Literatur

Das unmögliche Eheglück

In einem Interview vom November 2013 sagte Tahar Ben Jelloun: "Ich glaube, dass die Menschen nicht dafür geschaffen sind, ein ganzes Leben mit einem anderen Menschen zu verbringen."

Und ein Zitat aus "Szenen einer Ehe", das dem Buch als Motto dient, drückt das noch einmal anders aus:
"Marianne: Glaubst du, zwei Menschen können ein ganzes Leben zusammen verbringen?
Johan: Die Ehe ist eine idiotische soziale Konvention, die man jedes Jahr erneuern oder aufkündigen kann. (...) Denk daran, deine Strafzettel zu bezahlen, es werden immer mehr."

Der Titel des Buches ist voller Ironie. Der nach einem Schlaganfall teilweise gelähmte berühmte Maler hat die junge Berberin Amina geheiratet. Doch von Anfang an hindern eine unterschiedliche Herkunft, ein anderer Gesellschaftsstatus und eine Antipathie beider Elternpaare der anderen Familie und ihren jeweiligen Sitten gegenüber das vielleicht mögliche "Eheglück".

Im ersten Teil des Romans "Der Mann, der die Frauen zu sehr liebte" erzählt ein mit dem Maler befreundeter Schriftsteller als auktorialer Erzähler tagebuchartig die Geschichte dieser Ehe aus der Sicht des Malers. Amina wird die ganze Schuld am Ehe-Elend und am Gesundheitszustand des Malers gegeben. Sie wird als eine Despotin gezeichnet während der Maler als ein guter Mensch geschildert wird, der selbst in seinen erotischen Eskapaden Zweifel empfinden will, der vermeintlich bei sich selbst Schuld sucht und am - von seiner Frau zwischen ihnen ungerechterweise aufgestellten - eisernen Vorhang verzweifelt.

Doch Tahar Ben Jelloun gelingt es, zunächst ganz zart, später dann immer deutlicher, des Lesers Zweifel an dieser Darstellung zu wecken. Knapp bevor die Scheidung vermeintlich entschieden werden kann, weil sich Amina bereit erklärt, ihre Zustimmung zu geben, findet Amina das Tagebuch des Mannes, der die Frauen zu sehr liebte. Ihre Reaktion darauf ist der zweite Teil des Romans, der mit "Meine Sicht der Dinge - Antwort auf: Der Mann, der die Frauen zu sehr liebte" bezeichnet ist.

Hier schildert Amina, in einem etwas ungestümem Versuch der Rechtfertigung, ihr Bild der Ehe. Nur die Überschneidungen etlicher Vorkommnisse lassen erkennen, dass es sich um ein und dieselbe Ehe handelt. Amina entscheidet, als letzten Teil ihrer endgültigen Rache, sich nicht vom Maler scheiden zu lassen und sich selbst um seine weitere Pflege zu kümmern.

Doch auch Aminas Rede lässt schon nach einiger Zeit Zweifel beim Leser aufkommen. Eine genaue und präzise Einschätzung, wer denn nun die Wahrheit sagt, ist nicht möglich. Geschickt spielt Tahar Ben Jelloun mit den wechselnden Sympathien des Lesers und führt ihn immer wieder in die Irre.

Der Roman ist eine literarische Abrechnung mit der Ehe. Man muss, insbesondere wenn man wie der Rezensent eine andere persönliche Erfahrung zu schätzen weiß, seiner skeptischen Sicht dieser Form des Zusammenlebens von Mann und Frau nicht zustimmen, gelungen ist diese Darstellung der Szenen einer Ehe und den Abgründen der menschlichen Seele, die sie offen legt, allemal.

Eheglück
Tahar Ben Jelloun
Christiane Kayser (Übersetzung)

Eheglück


Berlin Verlag 2013
Originalsprache: Französisch
320 Seiten, gebunden
EAN 978-3827011671

Ein Psycho-Thriller im wahrsten Sinne

Der Bestseller besticht durch atmosphärische Dichte und einen spannungsgeladenen Showdown. Ein Krimi-Thriller, der tief in die Abgründe der menschlichen Seele führt. Und auch ein Psychologie-Ratgeber.

Lesen

Millenium-Fortsetzung aus neuer Feder

Einmal dahingestellt, ob ein vierter Band nun Verrat an Larsson ist oder ob die Familie aus purer Geldgier eine Fortsetzung in Auftrag gegeben hat, Lagercrantz ist ein spannender Krimi gelungen.

Lesen

Es geht nicht um Religion, sondern um Macht

"Unterwerfung" ist eine gut lesbare, geistreiche und witzige Aufklärung darüber, dass sich hinter dem Kampf der Kulturen ein Kampf um Macht und Einfluss, ein Kampf um Herrschaft verbirgt.

Lesen

Wiedersehen in Berlin

Das Berliner Biotop der Achtziger ist um eine Attraktion reicher. Chrissie, die Nichte von Erwin, dem Kneipenwirt, mischt mit. Herr Lehmann und Co tauchen auch wieder auf und Sven Regener schwelgt wieder in seinem schelmischen schwarzen Humor, diesmal sogar auf Wienerisch.

Lesen

100 Jahre Familie Buendía

Der Jahrhundertroman über die Familie Buendía in einer Neuübersetzung, das Werk, das Gabriel García Márquez 1967 berühmt machte und als Klassiker der südamerikanischen Literatur gilt, gebunden in Hardcover und mit Schutzumschlag.

Lesen

Alle gegen alle in der Gated Community

Je mehr wir uns vereinzeln, desto brüchiger wird der soziale Kitt, denn der Mensch denkt und agiert immer noch viel archaischer, als er annimmt.

Lesen
Nada
Regengötter
Die Geschichte von Herrn Sommer
Wenn du schläfst
Der Zitronentisch
Café Cuba
Von Katzen und anderen Menschen
Am Strand
Vierzig Rosen
Welt in Angst
Der Sommer hat lange auf sich warten lassen
Meine Heimat bin ich selbst: Briefe 1929-1953
by rezensionen.ch - 2001 bis 2017