Geschichte

Von Unterdrückung zu Unterdrückung

Am 8. Mai 2005 jährte sich zum 60. Mal das Ende des zweiten Weltkriegs. Nazi-Deutschland hatte den Krieg verloren und die Alliierten Siegermächte ganz Deutschland besetzt. In den westlichen Besatzungszonen sprachen viele von einem Tag der Befreiung. Anders verhielt es sich im Osten: Dort löste die kommunistische Diktatur die nationalsozialistische ab, die Unterdrückung viele zehntausender Menschen ging weiter.

Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte Berlin-Schönhausen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Kriegsende in Ostdeutschland ausführlich zu dokumentieren. Sein Hauptanliegen ist dabei nicht, so betont er im Vorwort ausdrücklich, die Taten der Nationalsozialisten zu relativieren, sondern den Focus auf das den Menschen im Osten wiederfahrene Leid zu richten.

Um die Taten der Roten Armee deutlich zu machen, bedient sich Knabe der Oral History bzw. zahlreichen Memoiren von Zeitzeugen. Demnach bestimmten Vergewaltigungen, Verfolgungen, Folter und vor allem willkürliche Verhaftungen das Leben der ostdeutschen Bevölkerung nach Kriegsende. Es gelingt dem Autor, auf anschauliche Weise darzulegen, wie die Menschen den Einmarsch der Roten Armee empfunden haben und wie sehr sie unter dem Unrecht, das von der sowjetischen und später von der DDR-Führung verübt wurde, zu leiden hatten.

Trotz der Eindringlichkeit erzählt Knabe dem Leser prinzipiell nichts Neues: Die Studien von Jan Foitzik, Norman Naimark oder Hermann Weber haben schon vor einigen Jahren gezeigt, wie neben der Roten Armee vor allem die stalinistische Geheimpolizei den Osten Deutschlands mit einer Welle von Terror überzog und hunderte unschuldiger Menschen in die Lager der Besatzungsmacht sperrte.

Originär an Knabes Darstellung ist hingegen die, wie schon eingangs erwähnt, Auswertung einer enormen Anzahl von Zeitzeugenberichten. Es ist ein grosses Verdienst, dieses Quellenmaterial zu sammeln und vergessenes oder verdrängtes Leid zu thematisieren. Allerdings entzündet sich hieran gleichzeitig der größte Kritikpunkt. Zu den Hauptaufgaben eines ausgebildeten Historikers gehört die objektive und, soweit dies möglich ist, emotionslose Quellenkritik. Auch in der Erinnerungsliteratur der Holocaust-Überlebenden finden sich, ohne das erlebte Leid in Frage stellen zu wollen, Widersprüche und Fehler. Hubertus Knabe lässt den Eindruck entstehen, als ob die Aussagen der Zeitzeugen über das erlebte Kriegsende im Osten keiner Kritik unterzogen zu werden bräuchten. In langen Passagen lässt er Menschen zu Wort kommen, die erst Jahre oder Jahrzehnte später ihre Erinnerungen verfasst haben. Da unser Gedächtnis uns des öfteren einen Streich spielt, hätte eine ausführlichere Kommentierung der Aussagen erfolgen müssen. Zudem wäre es wünschenswert gewesen, sowjetische Quellen in den Blick zu nehmen. Dies scheitert wie so oft an der sprachlichen Barriere.

Insgesamt hat Hubertus Knabe einen soliden Überblick über das erlebte Kriegsende der ostdeutschen Bevölkerung vorgelegt. Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er sich von seinem Vorhaben nicht hat abbringen lassen, das erfahrene Leid zu thematisieren, auch wenn es "von unerwünschter Seite ebenfalls ins Feld geführt" wird. Es wird in Zukunft noch viel Forschungsarbeit nötig sein, um ein noch detaillierteres Bild zu zeichnen. Den Anfang hat Hubertus Knabe gemacht.

Tag der Befreiung?
Hubertus Knabe

Tag der Befreiung?


Das Kriegsende in Ostdeutschland
Propyläen 2005
388 Seiten, gebunden
EAN 978-3549072455
mit s/w-Fotos

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