Kultur

Die Geburt des Grönland Rock

Ein Tonarm wird an den Anfang einer Vinylscheibe gelegt, eine Nadel trifft auf das schwarze Gold und - das erste Rockalbum in grönländischer Sprache Sumé (gesprochen: Sumi) erklingt! 1973 trug man auch in Grönland und Dänemark die Haare lang und wo sie spielten, schlugen die Herzen höher. Denn erstmals war wieder eine Sprache zu hören, die von den dänischen Kolonialherren so weit zurückgedrängt worden war, dass sie im öffentlichen Leben kaum noch zu hören war. Aber SUMÉ machten mit lauter Rockmusik aufmerksam und hatten politische Texte, die eine Revolution geradezu heraufbeschwörten. Man könnte sie als eine Mischung aus Ton Steine Scherben und Pink Floyd bezeichnen, denn ihre Musik ist eindeutig Psychodelic Rock mit Jazzelementen, aber nicht nur die Musiker waren virtuos, sondern auch das ganze Konzept der Band: Auf dem Plattencover der ersten Platte war ein Inuit in Fellkleidung zu sehen, der einen dänischen Händler erschlägt. Nach dem Boom des Dokumentarfilms "Sugarman" über Rodriguez kann man SUMÉ nur einen ebensolchen wünschen, denn der Film hat sehr viel Potential, sich zu einem Kultfilm zu entwickeln.

"Kalaaliuvunga! - Ich bin Grönländer!"

Nationale, soziale und politische Probleme waren im Fokus der Band. Denn als Grönländer musstest du damals in jedem Fall besser als die Dänen sein. In der Schule wurde nur dänisch unterrichtet - außer dem Grönländisch-Unterricht. Alle Entscheidungen, die Grönland betrafen, wurden im dänischen Parlament getroffen und ein grönländischer Landesrat ("Landsting") konnte darauf nur wenig Einfluss nehmen. Grönland ist durch nur zwei direkt gewählte Abgeordnete im dänischen Parlament vertreten. 1979 erhielt Grönland durch eine Volksabstimmung eine beschränkte Autonomie mit eigenem Parlament und eigener Regierung. Seither ist Grönland eine "Nation innerhalb des Königreichs Dänemark" und vielleicht hat auch die Musik von SUMÉ einiges dazu beigetragen. Das ist die Erzählung, um die es in vorliegendem Dokumentarfilm geht. Als Revolte eines aufmüpfigen Sohnes (Grönland) gegen einen patriarchalischen Vater (Dänemark) wird die Autonomiebestrebung Grönlands Anfang der Siebziger von einem der Protagonisten liebevoll umschrieben, aber wenn man sich die Texte von SUMÉ genauer anhört, geht es um mehr als nur um Ödipus.

"Nye tider" - Neue Zeiten!

In dem Song "Neue Zeiten" (Piffiit Nutaat - Nye tider) heißt es etwa: "Ich wache auf, ich habe lange geschlafen/Sie erzählen mir, zweieinhalb Tage seien vergangen/Zweieinhalb Jahrhunderte/Ich erkenne, sie sind immer noch hier/Sie sind hier um reich zu werden und uns zu unterdrücken/Grönland, das Land der Menschen/Du kannst Deine Kinder nicht mehr vor Unheil schützen/Neue Zeiten sind angebrochen,/Die alten Tage haben wir hinter uns gelassen/(...)." Natürlich ist klar, an wen sich dieses Lied richtet und die politische Botschaft wird noch dazu mittels eines eingängigen Riffs, einer wiedererkennbaren Stimme, einem guten Refrain zu einem echten grönländischen Popsong verarbeitet. In der westlichen Kultur würde man getrennt leben und ohne einen Sinn außer dem des Profits, aber in der Inuitkultur stehe mehr das gemeinsame im Vordergrund und so würde etwa ein Fischfang unter allen Bewohnern aufgeteilt.

"Green(land) Power!" - Grönländer auf den Barrikaden

Egal, was man damals in Grönland werden wollte, man musste es in Dänemark lernen, die junge Generation wurde damals von den anderen, ihrem Volk, getrennt und die Familien so zerstört, da viele nicht mehr zurückkehrten und sich dem dänischen Lebensstil anpassten. Ganze Dörfer wurden damals durch die dänische Umsiedlungspolitik von Einfamilienhäusern in Blocks zerstört. "Wenn du unterdrückt bist, brauchst du dich nicht alleine zu fühlen: wir sind hier und warten", heißt es in "Der Fremde" und mit dem Aufstand der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA ("Black Power") hatte bald auch die grönländische Jugend ein Vorbild gefunden. "Wenn wir still bleiben, wird bald nichts mehr da sein". Einem der alten Aktivisten wird das alte Lied vorgespielt, er ist inzwischen ein alter Mann geworden, aber als er die Zeilen vernimmt, ballt er seine rechte Hand zu einer Faust und mit Tränen in den Augen sagt er "Kakaaki"! Der rote Verstärker, der als roter Faden durch den Film führt, verstummt.

Bis Dänemark, Skandinavien reicht damals ihr Ruf und sie hätten sogar mit Procul Harum auf Tournee gehen können, aber sie lehnten ab. "Unsere Kinder kämpfen für die selben Dinge wie damals. Es hat sich nicht viel verändert", sagt Malik. Es gibt einige Bands, die SUMÉs Erbe musikalisch weiterführen und Per wurde Abgeordneter im Grönländischen Parlament. 2008 gab es eine Reunion. Konzertausschnitte aus den Siebzigern und den 2010er Jahren befinden sich ebenfalls auf "The Sound of a Revolution". Mit aktuellen Interviews, rarer Super-8 Footage und Archivmaterial.

SUMÉ
Inuk Silis Høegh (Regie)

SUMÉ


The Sound of a Revolution
mindjazz pictures 2016
Laufzeit: 73 Minuten
EAN 4042564166637
Extras: Special Feature

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