Sturmhöhe Die Liebe zwischen Cousin und Cousine
Wer wissen möchte, wie es in der Literaturverfilmung von Brontës Wuthering Heights wirklich weiterging, wird nicht umhinkommen, sich das Original zuzulegen. Die vorliegende Geschenkausgabe der düsteren Lovestory mit Lesebändchen, Motivfarbschnitt und farbigem Vorsatzpapier zeigt die wahre Geschichte.
„Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug"
Der Auslassungen gibt es viele. Aber das lässt sich bei einer Verfilmung eines Literaturstoffes nie vermeiden. Dass Regisseurin Emerald Fennell jedoch ganz auf den zweiten Teil der Wuthering Heights-Geschichte verzichtet (immerhin 206 von 397 Seiten), deutet einerseits auf eine filmische Fortsetzung hin, andererseits aber auch auf eine komplette Verkennung des eigentlichen literarischen Materials. Denn eigentlich wollte Emily Brontë (1818–1848) wohl genau darauf hinweisen: dass sich nämlich Geiz, Hass und Eifersucht auch in der zweiten Generation noch fortpflanzen, vor allem natürlich unter Verwandten, Cousin und Cousine.
Aber worum geht es eigentlich in der düsteren Lovestory, die schon seit zwei Jahrhunderten die Film- und Literaturwelt in Atem hält? Mit mehr als zehn Adaptationen für Kino und Fernsehen zeigt Wuthering Heights, wie wichtig das Thema Familie auch heute noch ist. Denn der Stoff der literarischen Vorlage ist tatsächlich mehr als bizarr. Oft erben Kinder nämlich die Konflikte, den Hass und die emotionalen Schäden ihrer Eltern – ein Satz aus der modernen Familienaufstellung, der hier vorausgeschickt werden sollte.
Aber kommen wir zunächst zur Handlung von Brontës Jahrhundert-Bestseller. Der Besitzer des inmitten der rauen Landschaft des englischen Yorkshire liegenden Anwesens Wuthering Heights, Mr. Earnshaw, nimmt den Findling Heathcliff (nomen est omen) bei sich auf und schürt damit nicht nur den Hass des älteren Bruders Hindley, sondern auch die Liebe seiner Tochter Catherine. Denn Cathy und Heathcliff sind von diesem Moment an unzertrennlich, aber auch die Rivalität zwischen Hindley und Heathcliff schlägt tiefe Gräben. „Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug", hieß es schon im Parzival.
Eine Liebe zwischen Cousin und Cousine als Happy End
Bemerkenswert ist aber auch die Erzählstruktur des Romans, der 1801 beginnt und aus der Perspektive von Ellen „Nelly" Dean dem neuen Pächter Mr. Lockwood erzählt wird. Thrushcross Grange ist Wuthering Heights auf einem anderen Hügel gegenübergestellt und wird ebenso zum Schauplatz des familiären Dramas wie der titelgebende Ort. Dass Heathcliffs Herkunft („Er sieht mit seiner dunklen Haut wie ein Zigeuner aus") bis zum Ende des Romans ungeklärt bleibt, mag das viktorianische England wohl ebenso erschüttert haben wie die unstandesgemäße Liebe der Erbin von Wuthering Heights, Catherine Earnshaw. Um genau diesen Stand zu wahren, wird Catherine mit Edgar Linton, dem wohlhabenden Erben von Thrushcross Grange, verheiratet, und sie bekommen eine kleine Tochter, die sie ebenfalls Cathy nennen. Allerdings stirbt Catherine bei deren Geburt, und Cathy wächst ganz ohne ihre Mutter auf. Heathcliff war so entsetzt über diese Heirat, dass er vorerst aus Wuthering Heights verschwindet, jedoch mit einem furchtbaren Racheplan zurückkehrt. Er heiratet Edgars Schwester Isabella, und aus deren Ehe entspringt wiederum der schwächliche Linton. Nun will Heathcliff die beiden Kinder miteinander verkuppeln, um so an das Erbe zu kommen. Denn auch Isabella stirbt früh, und ihr Anteil an Wuthering Heights geht so an Linton. Aber Linton ist so schwächlich und tuberkulös, dass auch er bald stirbt.
Doch dann geschieht das Wunder, das man Liebe nennt: Cathy Linton und Hareton Earnshaw, Cousin und Cousine, verlieben sich. Auf diese Weise wird der Kreislauf aus Gewalt und Hass von der jüngeren Generation durchbrochen, und es kommt doch noch zu einem hoffnungsvollen Ende: Wir müssen die Fehler unserer Eltern nicht wiederholen. Das Trauma, das von einer Generation zur anderen weitergegeben wird, kann durch die Liebe besiegt werden. Nebenbei hat Emily Brontë aber auch die viktorianische Gesellschaft ob ihres Rassismus, Rigorismus und Standesdenkens kritisiert. Für einen Überblick über die Verwandtschaftsverhältnisse in Wuthering Heights empfehle ich, diesen Link zu konsultieren, für ein echtes, unvergessliches Leseerlebnis die vorliegende Ausgabe des Anaconda Verlages mit farbigem Vorsatzpapier, Lesebändchen und Motivfarbschnitt.
Alle Rezensionen von Juergen Weber