Irène Speiser: Stimmung für Violoncello solo

Eine klangvolle Geschichte

Nahezu wundersam und berückend komponiert steht im Mittelpunkt dieser vielfarbig kolorierten Geschichte um Gilles Bastien ein Instrument von ganz eigener, sehr besonderer Schönheit – ein Violincello, und mit diesem öffnen sich die poetischen Räume der Musik.

Céline erwählt Gilles zu seiner Cello-Lehrerin, auch die Beziehungsgeschichte der beiden – keine Affäre – entwickelt und entspinnt sich behutsam, dezent und mit verborgenen Momenten musikalischer Leidenschaft. Der Pianist entdeckt das Violincello, sanft, mitunter entschlossen von seiner Lehrerin geführt. Die Übungsstücke beginnen in der "musikalischen Fremde", die einer "neuen Landschaft" und einem "neuen Biotop" gleicht, ein Lebensraum also, der erkundet werden soll: "Querfeldein bewege ich mich durch das Heft, das C. mir gab, überspringe ab und zu ein Stück, widme mich einer neuen Übung, strauchle nicht selten, stehle Zeit, eine Saite zu erkunden, entdecke eine Stelle neu auf dem Griffbrett. In üppigen Kurven komme ich zu den Tönen." Céline begleitet ihren Schüler in mittleren Jahren lächelnd und mit Gelassenheit. Gilles' Dankbarkeit für ihre Weggefährtenschaft wird spürbar, auch das Cello beginnt er zu bewundern und zu lieben, ganz vorsichtig. Das Cello wird zur "Gefährtin". Irène Speiser charakterisiert ihren Protagonisten und zugleich das Instrument: "Eine unterschiedliche Zahl von Tönen will je nach Bogen genommen werden, das Unregelmässige, Eigenwillige der eingezeichneten Striche gilt es mit der soliden Struktur des Rhythmus zu vereinbaren. Rhythmus kostet. Auch das Erzeugen von Musik läuft über ein gefügiges Zusammenspiel im menschlichen Körper – in meinem Körper!"

Das Cello öffnet dem spielenden Gilles einen neuen Erfahrungs- und Fantasieraum, es "bebt und zittert", erfordert Fingerübungen und die Arbeit des geduldigen, ausdauernden Lernens. Das "Cellowissen" wächst, ebenso vertiefen sich die Gespräche mit Céline, auch wenn er selbst sich vielleicht ein wenig kokett als "Langweiler" ansieht: "Des Violincellos exquisite Sensibilität, seine Zartheit! Die Saiten vibrieren mit, sobald es die Nähe eines Gefährten vernimmt. Allein schon, wenn C. neben mir sitzt und spielt, eine regelrechte Instrumentenkameradschaft." Ob sich aus der Kameradschaft noch eine spielerische Nähe entwickeln könnte? Darüber sinniert der Leser, wenn er liest: "Cellospielen macht süchtig." Gilles bleibt von Musik betört, ebenso "vom nahenden Alter bedrückt", zugleich "von jugendlicher Anmut bezirzt". Er fragt sich: "Sollte nicht eine Frau wieder einen Platz in meinem Leben besetzen? Eine Frau, die nicht bloss einmal die Woche knapp eine Stunde mein Dasein belebt. Nicht alle menschlichen Lücken vermag das Cello zu füllen." Mit großer Sympathie nimmt er Céline wahr, freut sich an ihrer Erscheinung, an der hellen und schwerelosen Stimme: "Sie appelliert an die Fantasie: Ziehe den Bogen, als ob du schlittschuhläufst. Ein weiteres Mal in die Kinderjahre zurückversetzt werden. Die Kufen auf das milchige Eis setzen, sie mit ganzer Kraft nach vorn gleiten lassen, die Augen beunruhigt dem Horizont zu." Céline erfreut Gilles mit Musik aus dem Barock, aber auch Stücken aus dem Jazz mit Cello. Die musikalische Reise führt ins weite Land der Werke von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Jedes "ernste Stück Arbeit" schenkt "Vergnügen". Céline wertschätzt die Beharrlichkeit von Gilles, der in der Werbebranche tätig ist, aber mehr und mehr für die Musik und in ihr zu leben scheint. Er begreift das Cello als "gigantisches Abenteuer für die Sinne" und ist dankbar: "Bin ich nicht privilegiert, morgens üben zu können? Wenn der Kopf, noch unschuldig und leer, sich in ein struppiges Klangchaos hineinziehen, unbekanntes Notengelände sich blendend auskundschaften lässt. Die ersten Stunden des Tages, allein leichtherzigen Spielereien gewidmet." Das "tägliche Exerzitium", das Leben mit dem Cello, ist nie "langweilig", nie "öde", sondern ein "Triumph der simplen Lebensführung". Im Musizieren wird das "Unbekümmerte" gegenwärtig, zugleich auch das "Unabdingliche" dieses Tuns, wenn die "Schwerelosigkeit des Klangs" und dessen "einfache Schönheit" erfahrbar werden. Lässt sich das Violincello als die "schöne Unbekannte" begreifen? Oder führt ihn die Musik in eine neue Liebesbeziehung? Schließlich begegnet Gilles eines Tages Sophie, während Céline schwanger wird. Die Geliebte, Sophie also, so Gilles, "zieht mich zurück in die Welt". Und das Violincello, bleibt es nur eine Episode im Leben von Gilles? Staubt es von nun an dahin? Oder öffnet die Musik, wieder und immer wieder neu, andere Lebensräume, andere Lebensträume?

Dieser verführerisch musikalische Roman führt zu schwebenden Fragen, die bei den Lesern entstehen – und weit über die Lektüre hinaus gegenwärtig bleiben. Bei dem einen oder der anderen mag Irène Speisers Buch zugleich auch die Sehnsucht nach dem Cellospiel wecken. Dieser unerhört lesenswerte Roman klingt auf wunderbare Weise nach.

Stimmung für Violoncello solo
Stimmung für Violoncello solo
Eine Komposition
168 Seiten, gebunden
Bucher 2023
EAN 978-3990186596

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