Steinerne Bibel Der Jakobsweg im Licht der Bibel
Pilgerreisen verbinden Geschichte und Gegenwart – und sie fanden und finden äußerlich und inwendig statt. Der erfahrene Klinikseelsorger Pater Klaus Schäfer, der Ordensgemeinschaft der Pallotiner angehörig und gegenwärtig im Bistum Regensburg tätig, widmet sich in seinem neuen Buch über den Weg nach Santiago biblischen Zeugnissen und öffnet mit meditativen, durchaus auch in einem guten Sinne alltagstauglichen Betrachtungen und Impulsen Zugänge für Christen, für Suchende und für Reisende, die möglicherweise nur als einfache Wanderer unterwegs sind und doch spirituelle Dimensionen auf dem Jakobsweg für sich entdecken.
Die Faszinationskraft des Jakobswegs reicht weit in das Mittelalter zurück. Pilgerfahrten sind stets Aufbruchsgeschichten, die kontemplative Augenblicke bereithalten und gestern wie heute mit körperlichen Strapazen verbunden sein können. Schäfer schreibt oft auch sehr persönlich, den Leser ansprechend wie auf eine diskrete Weise seelsorglich zugewandt: „Mit jeder Pilgerfahrt erkannte ich ein Stück mehr, dass romanische und gotische Kirchen in Stein gehauene Darstellungen besitzen, die nicht nur einfach Kunst sind, sondern auch Botschaften, eben »Steinerne Bibel«.“ Diese Kunstwerke verlangen freilich kein exegetisches Handwerk, sehr wohl aber eine sensible Wahrnehmung und auch biblische Kenntnisse, die der Verfasser hier auf eine niederschwellige Weise zu vermitteln weiß und damit auch eine Leserschaft adressiert, die nicht kirchlich gebunden oder verwurzelt ist.
Schäfer schickt eine Einführung in die Lektüre seinen Darlegungen voraus, erläutert die Absicht seines Buches. Das mag hilfreich sein, aber ein jeder Leser ist auch so frei, sich selbst einen Pilgerweg durch diesen Band zu bahnen und etwa die zahlreichen Fotografien zu entdecken, welche Spuren der Bibel an den Kirchenportalen unterwegs zu entdecken sind, darunter etwa Darstellungen des Jüngsten Gericht oder von Heiligen, die mit Attributen versehen sind. Wer einen Drachen erblickte, darf erfahren, dass der Heilige ein Streiter wider das Böse ist und zu seiner Zeit triumphiert hat. Mancher Pilger wird wissen, dass die Lilie oder ein Kranz aus Rosen mit Jungfräulichkeit zu verbinden ist. In vielerlei steinernen Darstellungen begegnen den Reisenden die Apostel, möglicherweise werden sie sogar zu Weggefährten, nicht zur Pilger-, sondern zu Lebensbegleitern für die Pilger, die auf dem Jakobsweg unterwegs sind.
Wer pilgert, tritt ein in eine geistliche Auseinandersetzung, in eine Reflexion besonderer Art, in der sich äußere und innere Wahrnehmung verbinden. Mancher gerät über das Christusmonogramm ins Grübeln, auf der Reise selbst oder auch später im Rückblick. Ein anderer stellt sich neu Fragen des Glaubens, etwa über die Auferstehung. Nicht jeder muss sich fragen: „Wie stelle ich mir die Auferstehung vor?“ Aber solche Überlegungen können auf dem Weg nach Santiago, bei der Sicht auf steinerne Zeugnisse der Bibel, durchaus entstehen und die Pilger begleiten. Hilfreich ist, dass Klaus Schäfer zahlreiche Stellen des Alten und Neuen Testaments in das Buch einbettet. Das erspart das Nachschlagen, und es ist auch nur realistisch anzunehmen, dass vielen Lesern die nötigen Bibelkenntnisse heute fehlen, um sofort zu wissen, welche Szene kunstvoll dargestellt ist.
Momente des Glaubens treten auf, wenn sich der Autor persönlich an den Pilger, an den Leser wendet: „Was hat Gott Großes an uns getan? Was ist uns unverdient geschenkt worden? Weisen wir mit unserem Leben auf Gott hin?“ Christen mögen die erste und dritte Frage noch als selbstverständlich annehmen, Agnostiker und Suchende werden möglicherweise bei der zweiten Frage innehalten und zugleich eine Dimension erahnen, die für sie nicht selbstverständlich ist. Wenn etwas als Geschenk gesehen und angenommen wird, so mag gefragt werden: Wem habe ich das zu verdanken? Wer ist der edle Spender dieser Gaben? Das mögen Mitmenschen sein, Wohltäter, doch über diesen Horizont hinaus öffnet sich in diesem Buch noch eine andere Dimension: Klaus Schäfer stellt die Gottesfrage, aber er zwingt diese Perspektive niemandem auf.
Ebenso tritt die soziale Frage ins Bewusstsein: „Bin ich bereit, Bedürftigen zu helfen?“ Anlass dafür sind biblische Geschichten, in Stein gehauen. Deutlich wird, dass Armut und Not mitnichten ein theoretisches, ökonomisches oder auch nur theologisches Problem sind, denn Armut hat ein Gesicht. Bedürftigkeit sehe ich, in steinernen Zeugnissen aus der Bibel auf dem Jakobsweg und in meinem eigenen Alltag. Darauf macht Klaus Schäfer aufmerksam. So ist die Wanderung auf dem Weg nach Santiago eine Pilgerfahrt, zugleich eine Reise zu sich selbst, die über die bloße Zentrierung auf das Ich hinausführt.
Wer auf dem Jakobsweg pilgert, mag aus bloßer Neugierde aufbrechen oder auf der Suche nach sich selbst. Das bleibt jedem Reisenden anheimgestellt. Klaus Schäfer verweist auf biblische Motive, die entdeckens- und sehenswert sind, die zur spirituellen Vertiefung einladen und geistlichen Dimensionen anzeigen. Der eine oder die andere Leserin wird durch dieses lesenswerte Buch vielleicht den Gedanken an eine Fahrt nach Santiago neu hegen. Andere Leser mögen schlicht ihren Alltag neu in den Blick nehmen und anhand der Betrachtungen und Reflexionen sowie der Impulse in diesem Buch manche Erfahrungen in ihrem Leben neu und anders sehen lernen. Klaus Schäfers im besten Sinne anregendes, prächtig illustriertes Buch sei zur Lektüre empfohlen – besonders allen Lesern, die von innen heraus aufbrechen möchten. Die Reise nach Santiago und anderswohin kann somit beginnen.
Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny