E-Mail-Adresse für den Newsletter

E-Mail-Adresse für den Newsletter

Stalinismus in der Peripherie der Sowjetunion

Mit seiner Habilitationsschrift über den Stalinismus in der Peripherie der Sowjetunion - als Fallbeispiel wurde Aserbaidschan in Transkaukasien gewählt - hat der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski einen Meilenstein der Stalinismusforschung vorgelegt, der wohl in der Geschichtswissenschaft Widerspruch hervorrufen wird.

Auf der Basis umfangreicher Quellen aus Archiven in St. Petersburg, Moskau und Baku schickt sich Baberowski an, zahlreiche bisherige Erkenntnisse und Auffassungen in der russische bzw. sowjetischen Historiografie zu widerlegen. Am deutlichsten wird dies bei der Betrachtungen der Revolutionen: So seien die Streiks von 1905 in Baku nicht sozialer Protest, sondern ein religiöser Konflikt gewesen, woraufhin es zu keiner proletarischen Solidarität gekommen sei. Die Revolution von 1905 in Baku sei deshalb als Pogrom zum Ausbruch gekommen. Auch die Februarrevolution sei in Baku anders verlaufen, als im Rest des Imperiums: Sie habe es hier nicht gegeben. Umso heftiger sei dann die Gewalt über die Transkaukasische Peripherie gekommen. Hier zeigt sich ein Mangel, der sich durch Baberowskis Werk leider wie ein roter Faden zieht: Den Hang zu drastischen Zuspitzungen. Wenn über 300 Seiten für die Geschichte Aserbaidschans im 19. Jahrhundert aufgewendet werden, um die Ursprünge der Gewalt ausfindig zu machen, sind Sätze wie "Die Geißel der Gewalt und des Terrors [kam] wie eine Naturkatastrophe über die Gouvernements Transkaukasiens" wenig überzeugend.

Ähnlich verhält es sich mit der Grundthese des Buches. Baberowski versucht das Phänomen des Stalinismus an seinen historischen Ursprungsort zurückzubringen, in diesem Falle Aserbaidschan. Transkaukasien wurde zum Experimentierfeld für die Bolschewiki. Von hier aus entwickelte sich die Gewalt ins Zentrum des sowjetischen Imperiums. Mit dieser These wird Baberowski wohl nicht nur Zustimmung ernten, sondern auch Widerspruch, halten es doch die meisten Osteuropa-Historiker eher umgekehrt: Macht entfaltet sich vom Zentrum zur Okraina (Peripherie). Da der Autor aus umfangreichem Aktenmaterial schöpft, kann an der Authentizität seiner Aussagen kaum gezweifelt werden. Jedoch: Manche Schlussfolgerungen fügen sich nicht schlüssig in das Gesamtkonzept ein. Dass der Stalinismus nicht wie behauptet mit dem Tod Stalins 1953 endete, sondern noch weiterexistierte, wird wohl kaum jemand bestreiten.

Jörg Baberowskis Analyse ist ein Meilenstein der Sowjetforschung. Jeder, der sich mit dem Stalinismus ernsthaft auseinandersetzt, wird an diesem Standardwerk nicht vorbeikommen. Trotz der aufgezeigten Mängel, die in der Gesamtbewertung aber gering bleiben. Allen voran die sprachliche Leistung sowie die enorme Quellenauswertung beeindrucken jeden Historiker.


von Benjamin Obermüller - 24. August 2005
Der Feind ist überall
Jörg Baberowski

Der Feind ist überall


Stalinismus im Kaukasus
DVA 2003
882 Seiten, gebunden
EAN 978-3421056221