Das Für und Wider stabilitätspolitischer Eingriffe in den Wirtschaftsprozess
In den letzten Jahrzehnten war die wirtschaftliche Entwicklung weltweit von häufigen Schocks, d. h. von unerwarteten Ereignissen, bestimmt. Derartige Schocks waren u. a. die beiden Ölkrisen, Umweltkatastrophen, Kriege und Terroranschläge. Andere Wirtschaftskrisen haben sich oftmals über einen längeren Zeitraum angebahnt und waren für die Fachwelt nicht wirklich überraschend, z. B. das Platzen der New-Economy-Blase und die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, welche durch den Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehmann Brothers letztlich ausgelöst wurde, sich jedoch schon Jahre zuvor durch viele wahrnehmbare mikro- und makroökonomische Aspekte deutlich anbahnte. Solche Ereignisse führen zu oftmals gravierenden wirtschaftlichen Störungen, u. a. zu starken Einbrüchen der Produktion und Beschäftigung sowie zu erheblichen Schwankungen von Wechselkursen und Inflationsraten. Derartige gesamtwirtschaftliche Schwankungen haben bei wirtschaftlichen Akteuren ex post Fehlplanungen zur Folge, führen zu starken Marktungleichgewichten, destabilisieren die wirtschaftliche Entwicklung und gelten deshalb als unerwünscht.
An diese Problematik knüpft das vorliegende Buch von Helmut Wagner, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik, an der FernUniversität in Hagen, an. Der Verfasser gilt als "wissenschaftliches Schwergewicht" in seinem einschlägigen Lehr- und Forschungsgebiet, war Gastprofessor u. a. an mehreren renommierten amerikanischen Universitäten und hat wiederholt führende politische Entscheidungsträger wie die japanische Zentralbank in Tokyo, den IWF und die EU-Kommission beraten. "In diesem Buch wird nun untersucht, ob der Staat stabilitätspolitisch in den Wirtschaftsprozess eingreifen soll, um solche unerwünschten Auswirkungen von Schocks zu neutralisieren oder zumindest abzufedern; und wenn ja, in welcher Form dies geschehen soll" (entnommen aus dem Vorwort des Verfassers zur ersten Auflage).
Im Anschluss an die Erörterung der konzeptionellen Grundlagen in der Einleitung befasst sich das 1. Kapitel mit der Frage der Notwendigkeit von Stabilitätspolitik. In diesem Zusammenhang wird zuerst zwischen einer "Mengenstabilität" und einer "Preisniveaustabilität" unterschieden, um danach eine Systematik der Anwendungsbedingungen für Stabilitätspolitik herauszuarbeiten. Im Mittelpunkt steht die Analyse der modernen theoretischen Begründungen für eine Instabilität des marktwirtschaftlichen Systems in entwickelten Industrienationen, um die Frage zu klären, ob Stabilitätspolitik als notwendig anzusehen ist. Im 2. Kapitel geht es zuerst um die traditionelle Begründung und die dabei unterstellten Wirkungsmechanismen von diskretionärer, antizyklischer (d. h. "traditionell-keynesianischer") Stabilitätspolitik. Danach werden die Kritikpunkte an einer derartigen Politik, welche auf Fall-zu-Fall-Entscheidungen oder Ermessensentscheidungen von Politikern beruht, systematisch herausgearbeitet. Als Alternative hierzu bietet sich die regelgebundene Stabilitätspolitik an, gewissermaßen eine "automatisierte" Politikvariante, die im 3. Kapitel thematisiert wird. Hierzu gehören u. a. die Output-Stabilisierung, eine Preisniveau-, Zinsniveau- und Wechselkursregel, sowie das Inflation Targeting und die Taylor-Regel.
In den beiden folgenden Kapiteln werden die Erfolgsmöglichkeiten sowie die Kosten der auf der mikroökonomischen Ebene angesiedelten Institutionen, welche Lohn- und Preisflexibilität herstellen könnten, näher untersucht. Im Wesentlichen werden deshalb im 4. Kapitel Varianten der "Lohnindexierung" behandelt und im 5. Kapitel die Bedingungen und Ansätze der marktkonformen "Einkommenspolitik". Im 6. und letzten Kapitel werden die Vor- und Nachteile bzw. Durchsetzungsbarrieren einer internationalen Koordinierung von nationalen Stabilitätspolitiken untersucht. Der Verfasser kann offensichtlich die Auffassung der meisten Politiker wie Ökonomen nachvollziehen, dass eine internationale Koordinierung von Stabilitätspolitik, sofern diese über einen unverbindlichen Informationsaustausch hinausgeht, abzulehnen sei. In Zeiten von Trump und stärker werdenden national-populistischen Bewegungen sollte jedoch das abschließende Statement des Verfassers hierzu nicht unbeachtet bleiben: "Allerdings ist die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, dass der Verzicht auf intensive internationale Stabilitätspolitik mehr Protektionismus erzeugt. Dass aber Protektionismus und daraus folgende Handelskriege die denkbar schlechteste Alternative darstellen, kann als eine heutzutage allgemein akzeptierte Erkenntnis unter den Ökonomen angesehen werden."
Basierend auf den Erfahrungen der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise wurden in der neuen Auflage eine Vielzahl von Ergänzungen und Aktualisierungen aufgenommen, um neue Erkenntnisse und aktuelle Entwicklungen zu berücksichtigen, u. a. die Neo-Fisher-Interpretation des neukeynesianischen Basismodells und die Debatte um die ausgedehnte Niedrigzinsphase in Europa sowie die Unfähigkeit der EZB, durch geldpolitische Maßnahmen die Inflation adäquat zu steuern.
Dieses Lehrbuch hat sich in den letzten 30 Jahren zweifelsohne zu einem Klassiker der Theorie der Stabilitätspolitik entwickelt. Allerdings wird ein fundiertes Grundlagenwissen der VWL und der mathematischen Ableitungen für das Verständnis dieses Werkes vorausgesetzt. Sind diese beiden Bedingungen erfüllt, kann das Buch den am Problemfeld "ökonomischer Instabilität" interessierten VWL-Studenten sehr gut empfohlen werden.
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