Sprich mit ihr Stierkampf mal anders
Mit Filmpreisen überhäuft und sogar in den USA und insgesamt kommerziell sehr erfolgreich, war Hable con ella, das 17. Regiewerk von Almodóvar, doch inhaltlich umstritten. Eine Re-Vision im Zeitalter von LGBTQIA+ bringt jedoch neue Einsichten in einen Klassiker des europäischen Films.
Skandalöses Viereckverhältnis
Als Künstler der Movida madrileña bevorzugte Pedro Almodóvar von Anfang an möglichst schrille und skandalöse bis pikante Themen. Dennoch wurde ihm bei Erscheinen von Hable con ella Sexismus, Voyeurismus und Misogynie vorgeworfen. Dabei steht doch eigentlich das Verhältnis von Pfleger Benigno und dem Journalisten Marco sehr viel mehr im Mittelpunkt als ihre Beziehungen zu den Frauen Alicia und Lydia. Die beiden Männer sitzen zufällig im Kino nebeneinander und der zartbesaitete Benigno bemerkt, dass der Macho Marco während des ganzen Filmes weint. Einige Momente später teilen sie schon dasselbe Schicksal. Denn die Stierkämpferin Lydia wird in der Arena so schwer verwundet, dass sie aufgrund ihrer Verletzungen im selben Spital wie die Balletttänzerin Alicia, die dort schon seit Monaten liegt, landet. Auf diese Weise lernen sich die beiden Männer Benigno und Marco kennen, quasi als Schicksalsgemeinschaft. Benigno könnte als Stalker bezeichnet werden, denn als Alicia noch nicht im Koma lag, verfolgte er sie ein kleines bisschen und die «zufälligen» Begegnungen häuften sich auffälligerweise. Bei einer dieser Begegnungen hat sie auch den Unfall, der sie unsanft ins Koma befördert und ausgerechnet in dem Spital landet, wo Benigno arbeitet und sie von nun an aufopfernd pflegt. Man könnte fast glauben, dass er es genießt, sie zu pflegen, denn so kann sie sich gegen seine aufopferungsvolle Liebe nicht wehren. Vielleicht entdeckt dies auch Marco, aber es hat den Anschein, dass sich die beiden Männer lieben lernen, aber es aufgrund der herrschenden gesellschaftlichen Moral jener Zeit nicht opportun erschien, sich diese Liebe einzugestehen. Ob Benigno sich deswegen umbringt? Sehen Sie selbst und bilden Sie sich ein Urteil.
Tabuloses Kino aus Madrid
Ein hypnotisch ruhiges Drama über Nähe, Einsamkeit und die Frage, wie wir mit dem Unfassbaren umgehen, entwickelt sich abseits von jeder Hysterie. Besonders bemerkenswert sind aber auch die Szenen mit Lydia als Stierkämpferin, damals ebenfalls noch ein Tabu für Frauen und von Pedro Almodóvar mutig inszeniert. Im Mittelpunkt steht einerseits die aufopferungsvolle Pflege, andererseits die Frage, wie Alicia im Koma schwanger werden konnte. Natürlich steht eine Vergewaltigung im Raum, aber Marco verurteilt seinen Freund nicht, sondern versucht ihn auch im Gefängnis zu unterstützen. Abseits aller Tabus und Vorverurteilungen zeigt er der Welt die Bedeutung von Freundschaft, die sich über alle ethisch-moralischen Verbote hinwegsetzt und den Humanismus als solchen feiert. Die Szene der Befruchtung erinnert zwar etwas an Woody Allen (Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen trauten, 1972), war aber auch mehr als zwanzig Jahre später immer noch skandalös und wurde nicht als witzige Hommage wahrgenommen, sondern dramatisiert. Als weiteren dramaturgischen Höhepunkt möchte ich die Performance des Liedes «Cucurrucucú paloma», die im Film dargeboten wird, nicht unerwähnt lassen. Das Lied wird live performt und markiert den emotionalen Höhepunkt, als Marco begreift, dass er sich vielleicht gar nicht nach Lydia, sondern nach Benigno sehnt, vor allem aber als er erkennt, dass Lydia wahrscheinlich nie mehr zurückkehren wird. «Ay, ay, ay, ay, ay cantaba / De pasión mortal moría / Que una paloma triste / Muy de mañana le va a cantar / A la casita sola / (...) Cucurrucucú, cucurrucucú / Cucurrucucú, cucurrucucú / Cucurrucucú, paloma, ya no le llores...»
Alle Rezensionen von Juergen Weber
Wer an den Rezensenten schreibt und eine plausible Erklärung für Benignos Selbstmord liefert, kann 1 von 2 von Plaion Pictures zur Verfügung gestellten BluRays gewinnen!
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