Gesellschaft

Die Situationistische Internationale

Ein "Laboratorium unausgegorener Ideen", "Wegbereiter der 68er-Revolte", oder "Negationisten" sind nur einige Begriffe, die für die rund 70 Mitglieder der "Internationale" eigens kreiert wurden. Zwischen 1958 und 1969 hatten sich die Situationisten mit den Möglichkeiten der Veränderung der Gesellschaft befasst, und dafür viele Theorien entwickelt, die sie oder andere später auch in die Tat umsetzten. Einige der wildesten Ansätze der Situationistischen Internationale lassen sich in der vom Nautilus-Verlag herausgegebenen Sonderausgabe nun erstmals gesammelt nachlesen. Einige der 109 SW-Illustrationen wurden extra für diese Neuherausgabe angefertigt und halten die Kapitel dieser bisher im deutschen Sprachraum umfangreichsten Sammlung zusammen und begleiten so den Leser auf seiner Reise in die Theorien der SI. Gegenüber der ersten Übersetzung von 1976/78 wurde aber auf Rubriken wie "Editorische Notiz" gänzlich verzichtet und Berichte von Konferenzen fehlen ebenso wie die "Situationistischen Nachrichten". Dadurch wurde der Text zwar leichter lesbar, aber es ist schwieriger die geschichtliche und praktische Seite der SI zu erkennen, wie im Vorwort zu Bedenken gegeben wird.

Die Kritik der Situationisten sei nicht nur explizit anti-akademisch gewesen, schreibt Roberto Ohrt weiters in seinem Vorwort, sondern "suchte immer die Auseinandersetzung, nahm Bezug auf aktuelle Konflikte und entwickelte ihre Begriffe im Streit". Dennoch sei in den Texten oft ein deutlich "inquisitorischer Ton, eine Eloquenz" spürbar gewesen, anstatt die Kräfte des Gegenentwurfs zu stärken und Mut dabei zu machen. Die Situationisten erwiesen sich vielmehr als "Buchhalter der Revolution", wie Ohrt schreibt, und auch die meisten ihrer Anhänger, hätten eine Gerichtsverhandlung bereits eröffnet, noch bevor erste konkrete Schritte zur Realisierung der revolutionären Aktion gesetzt worden seien. Die Praxis verkümmerte zunehmend, bemängelt wohl nicht nur Ohrt und auch wenn die Geschosse der Kritik immer geladen und auch abgefeuert wurden, half dies wenig bei der Eroberung der zu stürmenden Festung der bürgerlichen Gesellschaft. Immerhin haben uns die SI aber mit einem prächtigen Begriffsarsenal ausgestattet, das auch unsere heutige soziale Realität und deren Phänomene gut beschreibt.

"Derive" ist etwa ein solcher Begriff, der das Phänomen des Umherschweifens, Sich-treiben-lassens oder Herumtreiben als revolutionäre Prädisposition einer Veränderung der herrschenden Gesellschaft charakterisiert. Ein noch zentralerer Begriff der SI war wohl "detournement", was man mit "Zweckentfremdung" übersetzen kann, aber auch die Bedeutung "stehlen" und "entwenden" beinhaltet. Wer etwa das Buch "Culture Jamming" von Kalle Lasn gelesen hat, wird verstehen, was damit gemeint ist und dass diese Aktivität (adbusting) sich auch heute noch in den Metropolen der Welt großer Beliebtheit erfreut. Zum erweiterten Standardvokabular der Situationisten gehört wohl auch "recuperation", was soviel wie Wieder-in-Besitz-nehmen bedeutet, z.B. den öffentliche Raum., oder der Begriff der "Gesellschaft des Spektakels" mit dem Guy Debord schon sehr früh einige Erscheinungen der modernen Massengesellschaft vorwegnahm.

Konsequenterweise findet sich etwa auch die berühmt-berüchtigte "Gebrauchsanweisung der Zweckentfremdung" von Guy Debord und Gil Wolman, die 1956 erstmals erschienen war, in vorliegender Sonderausgabe der SI. Hier heißt es u. a. ausdrücklich: "Alles kann benutzt werden. (...) Selbstverständlich kann man nicht nur ein Werk verbessern oder verschiedene Fragmente veralteter Werke in ein neues integrieren, sondern auch den Sinn dieser Fragmente verändern und in jeder für gut gehaltenen Weise das fälschen, was Schwachköpfe hartnäckig Zitate nennen wollen." Als Rechtfertigung dieser Vorgehensweise heißt es weiter unten in demselben Text: "Ihre billigen Produkte bilden das schwere Geschütz, mit der in alle chinesischen Mauern der Intelligenz eine Bresche geschossen werden kann, Das ist ein echtes Mittel der proletarischen Kunsterziehung, der erste Entwurf eines literarischen Kommunismus." Kürzer gesagt: "Das Plagiat ist notwendig. Der Fortschritt schließt es mit ein." Als ein historisches Beispiel einer ganz anderen Art der Zweckentfremdung nennen die Autoren die "Rote Armee". Die Aufständischen der Vendee (gegen die Republik in Frankreich, 1789, JW) verwendeten das Herz-Jesu Bild mit dem blutenden Herz als ihr Symbol und nannten sich demzufolge die Rote Armee. Ein wenig mehr als ein Jahrhundert (128 Jahre) später, gab es dafür allerdings eine ganze andere Konnotation.

Weitere Texte beschäftigen sich mit der situationistischen Definiton des Spiels, dem Urbanismus als soziales Phänomen, dem Bürgerkrieg in Frankreich oder der Theorie des Umherschweifens, einer der wohl interessantesten Texte, aus dem hier kurz einige Passagen zitiert werden. Der Tag wird als Zeitspanne zwischen zwei Schlafperioden definiert, der die durchschnittliche Dauer des Umherschweifens ausmache: "Der Spielraum des Umherschweifens ist mehr oder weniger genau danach bestimmt, ob diese Tätigkeit die Erforschung eines Geländes oder verwirrende emotionale Ergebnisse bezweckt." Das wichtigste Element beim Umherschweifen, scheint den Situationisten das Moment der Überraschung gewesen zu sein. Ein Zeitvertreib mit hehren Motiven also: "Nur deswegen werden wir oft daran gehindert, einem einzigen Laster zu frönen, weil wir mehrere davon haben." (La Rochefoucauld) Siehe oben!

Der Beginn einer Epoche - Texte der Situationisten
Pierre Gaillissaires
Hanna Mittelstädt
Roberto Ohrt

Der Beginn einer Epoche - Texte der Situationisten


Nautilus 2008
313 Seiten, broschiert
EAN 978-3894015732

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