Gesundheit

Krebs besser verstehen

Welch monumentales Werk! Schon das Format, fast schon ein Coffee-Table-Book, allerdings mit nur wenigen Bildern. Und dann der Umfang - 570 Seiten, ohne den überaus beachtlichen Anhang.

Das Vorwort stammt von Fritz Pleitgen, dem Präsident der Deutschen Krebshilfe e.V., der feststellt: "Dieses Buch ist für jedermann geschrieben - insbesondere für Patienten, aber auch für Ärzte und Wissenschaftler." Mukherjee selbst charakterisiert es als einen viertausendjährigen Kampf gegen den Krebs. "In gewisser Weise ist dies die Geschichte eines Krieges - gegen einen Gegner, der gestaltlos, zeitlos und allgegenwärtig ist."

Das Buch beginnt wie ein Thriller. Als Carla Reed am Morgen des 19. Mai 2004 mit heftigen Kopfschmerzen aufwacht, spürt sie, dass das nicht irgendein Kopfweh ist, sondern dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Sie hat Leukämie, das ist Krebs der weissen Blutkörperchen, "Krebs in einer seiner explosivsten und aggressivsten Formen", ihr Zustand ist dramatisch, ihre Heilungschancen liegen bei dreissig Prozent.

"Der König aller Krankheiten" ist ein gut geschriebenes, fesselndes Buch, das einiges Interesse an geschichtlichen Details voraussetzt. Gefragt habe ich mich immer mal wieder, woher er gewisse Dinge hat, doch Mukherjee ist sich der Fragwürdigkeit historischer Erkenntnisse durchaus bewusst: "Die aussergewöhnlichste Erkenntnis aber ist nicht, dass Krebs auch schon in prähistorischer Zeit auftrat, sondern dass er äusserst selten war. Als ich Aufderheide darauf ansprach, lachte er. 'Die Frühgeschichte von Krebs', sagte er, 'ist, dass es kaum eine Frühgeschichte von Krebs gibt.'"

Mukhrejee schreibt: "Dieses Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes eine 'Biografie' - ein Versuch, in den Geist dieser unsterblichen Krankheit einzudringen, ihre Persönlichkeit zu verstehen, ihr Verhalten zu entmystifizieren. Letztlich aber geht es mir um eine Frage, die über das rein Biografische hinausreicht: Ist irgendwann in der Zukunft ein Ende des Krebses vorstellbar? Wird es möglich sein, diese Krankheit aus unserem Körper und unserer Gesellschaft endgültig auszumerzen?"

Ein ziemlicher Anspruch, und möglicherweise ein zu grosser. So informativ, aufschlussreich und aufklärend das Buch auch ist, den Eindruck, dass es dem Autor gelungen sei, "in den Geist dieser unsterblichen Krankheit einzudringen, ihre Persönlichkeit zu verstehen, ihr Verhalten zu entmystifizieren", hatte ich nicht, vielleicht auch deswegen nicht, weil ich nicht verstehe, wie das gehen soll, in den Geist einer Krankheit einzudringen? Müsste man da nicht selber zur Krankheit werden? Und wie sollte so etwas praktisch gehen?

Zudem: das Problem mit Zukunftsvoraussagen ist bekanntlich, dass sich die Zukunft nicht voraussagen lässt. Mukherjee beantwortet übrigens seine Frage, ob in der Zukunft ein Ende des Krebses vorstellbar sei, selber so: "Wie genau eine künftige Generation lernen kann, die eng verschlungenen Stränge gesunden und bösartigen Wachstums zu entflechten, bleibt ein Rätsel. 'Das Universum', pflegte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der englische Biologe J.B.S. Haldane zu sagen, 'ist nicht nur verrückter, als wir denken, es ist auch verrückter, als wir es uns vorstellen können': Dasselbe gilt für die Wege der Wissenschaft." Womit gesagt wäre, was es über den Krebs und die Zukunft zu sagen gilt.

Eindrücklich ist Mukherjees Werk, weil es ganz vieles in einem ist. Ein umfassendes historisches Werk, biologische und medizinische Aufklärung, Sozialstudie sowie grossartige Reportage."Der König aller Krankheiten" ist ein ausserordentlich lehrreiches Buch. Illustrieren möchte ich seine Vielfältigkeit mit ein paar Zitaten:

"Wissenschaft beginnt mit dem Zählen. Um ein Phänomen zu begreifen, muss es der Wissenschaftler zuerst beschreiben; um es objektiv beschreiben zu können, muss er es erst vermessen. Wenn aus der Krebsmedizin eine exakte Wissenschaft werden sollte, galt es, den Krebs irgendwie auf verlässliche, reproduzierbare Art zu messen."

"Krebs, wissen wir heute, ist eine klonale Krankheit: Fast jeder bekannte Krebs stammt von einer einzigen, veränderten Zelle ab, die, nachdem sie die Fähigkeit zu unbegrenzter Zellteilung erworben hat, eine unbegrenzte Zahl von Nachkommen erzeugt - und Virchows Erkenntnis 'omnis cellula e cellula' unendlich wiederholt."

"Es ist und bleibt erstaunlich und verstörend, dass in den USA, wo fast jedes neue Arzneimittel als potentieller Krebserreger strengsten Prüfungen unterworfen wird und schon der blosse Hinweis auf eine Verbindung zwischen einem Wirkstoff und Krebs einen Aufschrei öffentlicher Hysterie und von den Medien geschürter Angst auslöst, eines der stärksten und am weitesten verbreiteten Karzinogene, die wir kennen, frei verkäuflich und für ein paar Dollar an jeder Strassenecke zu haben ist."

Siddhartha Mukherjee beendet sein Buch wie er es beginnt: mit einer Patientengeschichte. Germaine Berne hatte 1999 eine nicht mehr nachlassende Übelkeit erfasst, aus heiterem Himmel. Ihr ganzer Körper war voller Metastasen, im Winter 2000 stand ihr Todesurteil fest. Da stiess sie im Internet auf Leidensgenossen, erfuhr von einem neuen Heilmittel und genas - es war ein medizinisches Wunder. Doch die Übelkeit kehrte innerhalb von Monaten zurück, wieder durchforstete sie das Internet, wieder wurde sie fündig, das neue Medikament wirkte aber nicht sehr lange. Dann wollte sie nichts mehr Neues probieren. Sie fand, die Jahre von 1999 bis 2005 "hätten sie geschärft, geklärt, geläutert" Sie sah, dass ihre Gnadenfrist um war, jetzt wollte sie nach Hause, um zu sterben.

"Der König aller Krankheiten" erhielt den Pulitzer-Preis 2011.

Der König aller Krankheiten
Siddhartha Mukherjee
Barbara Schaden (Übersetzung)

Der König aller Krankheiten


Krebs - eine Biografie
Dumont 2012
670 Seiten, gebunden
EAN 978-3832196448

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