Sheila Die letzte Filmvorführung
Sheila und Clinton Green feiern eine Party mit Freunden. Doch dann verschwindet Sheila und wird von einem Auto angefahren und stirbt: Fahrerflucht. Der Filmproduzent Green (James Coburn) führt, ein Jahr später, die damaligen Partygäste auf seiner nunmehr nach Sheila benannten Yacht erneut zusammen. So beginnt ein kunstvoll inszeniertes Murder Mystery des damals schon renommierten Regisseurs Herbert Ross ... who's done it?
Die Mutter aller Murder Mysteries?
Zuvor mit Mach's nochmal Sam (1972) mit Woody Allen und Diane Keaton noch im Komödienfach zu Hause, wechselt Herbert Ross in das Krimifach und erzeugt Spannung durch gleich mehrere Plot-Twists, vor allem aber durch ein Spiel. Clinton eröffnet den auf seine Yacht „Sheila" eingeladenen sechs Hollywoodstars das Geheimnis ihrer Vergangenheit, die er recherchiert hat, nicht gleich. Stattdessen schlägt er ihnen ein Spiel vor, bei dem jeder eine Rollenkarte zugeteilt bekommt. Darunter natürlich auch die Karte des Mörders, aber er gibt keinem der Anwesenden jeweils die Karte, die auf ihn/sie zutrifft. Clinton hat sich nämlich, wie gesagt, informiert und kennt die Geheimnisse der anwesenden Hollywoodstars, die von Pädophilie bis hin zu anderen Verbrechen reichen. Eines haben sie allerdings alle gemeinsam: Gier. Auf die Yacht „Sheila" konnte er sie nämlich nur locken, weil er ihnen einen lukrativen Filmdeal anbot. Inhalt: die Ermordung seiner Frau Sheila. Alle diese sog. Verbrechen und Verfehlungen – ebenso wie der Tod von Sheila – blieben bisher ungesühnt, denn als Prominente verfügen die Hollywoodstars selbstverständlich über genügend Einfluss, sich über alle Gesetze, die für Normalsterbliche gelten, einfach hinwegzusetzen. Aber ob auch Mord dazugehört? Natürlich war es nur ein Unfall, aber das weiß Clinton nicht. Oder noch nicht.
Inspiration für weitere Murder Mysteries!
Doch dann wird bei einem Landausflug Clinton selbst tot in einem Beichtstuhl einer verlassenen Abtei aufgefunden. Wer kann nun dieses weitere Verbrechen aufklären, wenn die Polizei doch mehr als 48 Stunden braucht, um an den verlassenen Tatort zu gelangen? Herbert Ross' perfid inszeniertes Gesellschaftsspiel erinnert an Hitchcock und Agatha Christie, brilliert aber auch durch das von Anthony Perkins (Psycho) und Komponist Stephen Sondheim (Sweeney Todd) verfasste Drehbuch. Auf den verteilten Karten stehen folgende Rollen: Informer, Little Child Molester, Shoplifter, Ex-convict, Homosexual & Hit-and-run-Killer. Das eigene Rollenkärtchen ist geheim zu halten. Dass „homosexuell" damals noch als Verbrechen galt und gleichberechtigt neben wirklichen Verbrechen steht, mag dem Zeitgeist geschuldet sein, aber der ist bekanntlich vergänglich.
Sheila, ein doppelbödiger Seventies-Thriller, hat aber nichts von seinem Glanz verloren und bleibt bis zur letzten Minute spannend. Rian Johnsons Knives Out hat sich Anleihen bei The Last of Sheila genommen und auch Knives Out 2 ist auf Boote und Hafenstädte als Locations fixiert, genauso wie The Last of Sheila. Aber die Patina der Siebziger, das unvergleichliche Flair eines der wohl glücklichsten Jahrzehnte in der Menschheitsgeschichte, ist nur beim Original spürbar. Ein sehenswertes Juwel aus dem Fundus, das auch heute noch viele andere Filmemacher inspiriert.
Alle Rezensionen von Juergen Weber