Gottesbeweise und Gottesglaube
Die Frage nach Gott treibt Gelehrte, Naturwissenschaftler, Philosophen und Zeitgenossen ohne akademische Bildung um, die Frage nach der Beweisbarkeit der Existenz Gottes indessen fasziniert einige und lässt andere inwendig unberührt. Der Philosoph Sebastian Ostritsch widmet sich in seinem neuen Buch den Wegen der vernünftigen Gotteserkenntnis, wie sie Thomas von Aquin aufgezeigt hat und kommentiert zugleich das Zeitalter der Aufklärung und dessen Selbstbewusstsein skeptisch. Bedürfen aber die philosophischen Wege zu Gott, vorgestellt als Serpentinen, also als verschlungene Straßen an einem Berghang, einer Rehabilitation?
Die anspruchsvoll verfassten Darlegungen setzen eine gewisse Vertrautheit mit philosophischen Begriffen voraus. Einleitend erörtert der Verfasser Signaturen der Moderne, verweist auf seine eigene Studienzeit, wenn er den professoralen Allgemeinplatz benennt, dass die Gottesbeweise seit Kant „erledigt“ seien. Das ist einerseits zutreffend, aber andererseits auch einseitig, denn zu den bedeutendsten Werken über Gottesbeweise gehört noch immer Dieter Henrichs wegweisendes Buch „Der ontologische Gottesbeweis“, auf das nicht hingewiesen wird – 1960 erstmals publiziert, bis heute unverändert lesens- und bedenkenswert. Ostritsch erwähnt auch den gegenwärtig vielfach diskutierten Freiburger Fundamentaltheologen Magnus Striet, der als Kant-Kenner auftritt, die Existenz Gottes infrage stelle und relativistisch argumentiere. Er fordere „menschliche Maßstäbe“ für die Moral: „An dieser Stelle kommt erneut Kant ins Spiel: Seine um Autonomie (oder auch Selbstbestimmung) kreisende Ethik soll nach Überzeugung jener Theologen, die Striets skeptisches Gottesbild teilen, die moralische Lücke füllen, die ihre Theologie gerissen hat.“ Die spezifische, existenzialistisch kolorierte Kant-Deutung, die Striet vorlegt, weicht aber von Kants Philosophie ab.
Ostritsch ist bestrebt, Kant mit Thomas von Aquin ins Gespräch zu bringen, ohne indessen in hinreichender Deutlichkeit klarzustellen, dass der Königsberger Philosoph vornehmlich Kritik an den Gottesbeweisen rationalistisch-neuzeitlichen Metaphysik übt, also an Descartes und Leibniz, sich aber von der mittelalterlichen Theologie und ihren Verständnisweisen weitgehend emanzipiert zu haben scheint oder auch nicht hinreichend damit vertraut war. Um Anselm von Canterbury etwa sachgerecht zu verstehen, ist eine sensible Wahrnehmung des ontologischen Gottesbeweises geboten, die der Denker jedoch nicht als eine absolut stringente Beweisführung nach naturwissenschaftlichen Kriterien versteht, sondern den philosophischen Gedanken in ein Gebet einbettet. Papst Benedikt XVI. hat Anselms Persönlichkeit und Art theologisch zu denken treffend in der Katechese vom 23. September 2009 beschrieben: „Wer Theologie betreiben will, kann nicht allein auf seinen Verstand zählen, sondern muß gleichzeitig eine tiefe Glaubenserfahrung pflegen. Die Tätigkeit des Theologen entfaltet sich nach dem hl. Anselm somit in drei Stufen: der Glaube, unentgeltliches Geschenk Gottes, das mit Demut angenommen werden soll; die Erfahrung, die in der Umsetzung des Wortes Gottes in das eigene tägliche Leben besteht; und schließlich die wahre Erkenntnis, die niemals Ergebnis steriler Überlegungen, sondern Frucht einer kontemplativen Anschauung ist. In diesem Zusammenhang bleiben für eine gesunde theologische Forschung und für jeden, der die Wahrheit des Glaubens vertiefen will, seine berühmten Worte auch heute nützlicher denn je: »Herr, ich versuche nicht, in deine Höhe vorzudringen; mein Verstand kann dich ja auf keine Weise erreichen. Ich wünsche nur, einigermaßen deine Wahrheit zu begreifen, die mein Herz glaubt und liebt. Denn ich suche nicht zu begreifen, um zu glauben, sondern ich glaube, um zu begreifen«.“
Der Gottesbeweis wird damit als denkende Erhebung zu Gott verstanden, ein betender, meditierender Mensch, der Vernunft und Glaube zusammenführt und als Einheit begreift, lebt kontemplativ, er tut dies auch dann, wenn er philosophiert, im dankbaren Wissen darum, dass er der Liebe glaubt, nicht den artistischen Kunststücken des eigenen Verstandes. Der Gottesbeweis ist damit auch kein Instrument der Bekehrung, er vermehrt nicht die Frömmigkeit und ist nicht Ausweis christlicher Spiritualität, aber im Gebet der Kirche geborgen, kann der Mensch mit seinem endlichen Verstand sich auf die Wahrheit Gottes hin gläubig hoffend und denkend ausrichten.
Die Wege zu Gott, die Ostritsch mit Thomas beschreibt, sind nicht anders, verfügen über eine gewisse Komplexität, die sich auch in den filigranen, mitunter sehr verschachelt formulierten Erläuterungen des Autors spiegelt und manche Leser ebenso staunend wie ratlos zurücklassen wird. Ostritsch betont insbesondere auch den teleologischen Aspekt des thomistischen Denkens, die Einsicht in die „Zielgerichtetheit jeder natürlichen Aktivität“ und in ein „System der natürlichen Zweckmäßigkeit“ im Kosmos. Wenn dieses System sich nicht von selbst erkläre, „dann muss es einen intelligenten Zwecksetzer geben, der den Dingen ihre Zwecke einschreibt“. Die Zweckmäßigkeit sei auch in den „geistlosen Elementen des Universums“ vorhanden, und das sei ohne einen „intelligenten Zwecksetzer“ nicht vorstellbar – und dieser Zwecksetzer sei Gott.
Doch ist damit die Wahrheit des Glaubens zuinnerst beschrieben oder berührt? Die „berühmte Definition“ der Wahrheit, wie Thomas sie fasst, gibt Ostritsch in einer verkürzten Form – „adaequatio rei et intellectus“ – wieder, und bezeichnet dies als „Übereinstimmung von Sache und Verstand“. Das ist auf gewisse Weise nur die halbe Wahrheit, denn vollständig lautet diese Wendung „adaequatio rei et intellectus ad rem“, und „adaequatio“ bedeutet „Angleichung“, nicht zwingend „Übereinstimmung“, so ist der Wahrheitsbegriff eine Annäherung, eine Angleichung des menschlichen Denkens „ad rem“, also an den Gegenstand und damit an die objektive Wahrheit. Diese Angleichung wird mit der ontologischen Wahrheit nicht deckungsgleich werden und muss dies auch nicht sein.
Die Gottesbeweise lassen sich sodann als hohe Reflexionskunst verstehen, in gläubiger Demut gefasst als eine denkende Erhebung zu Gott, die der Beter vollzieht, der philosophisch denken darf, aber auch gläubig weiß, dass philosophisches Denken niemals ausreicht. Der einfach gläubige Christ lebt in Gottes Gegenwart, und Anselm von Canterbury bettet die von ihm formulierte denkende Erhebung zu Gott in ein Gebet ein. Sebastian Ostritsch ist zweifellos zuzustimmen, dass es nach dem Zeitalter der Aufklärung mitnichten Denkverbote über oder gewissermaßen Platzverweise für Gottesbeweise geben dürfe. Wer Vernunft und Glaube nicht als Gegensatz denkt und unauflöslich miteinander verknüpft weiß, wird Gottesbeweise für statthaft halten. Was intellektuell redlich, vernünftig und zulässig ist, bleibt aber darum noch nicht unbedingt nötig.
Ostritschs Darstellung zeigt, dass es sinnvoll ist, Vernunft und Glaube in einem Zueinander zu verstehen. Im Letzten aber kommt es für den gläubigen Christen auf die Begegnung mit Gott an, nicht auf einen philosophischen Gottesbeweis. Der heilige Thomas von Aquin hätte, besonders nach seiner mystischen Erfahrung auf der letzten Wegstrecke seines irdischen Lebens, nicht widersprochen. Dazu sei noch einmal Benedikt XVI. zitiert: „Die letzten Monate von Thomas’ irdischem Leben sind in eine besondere, ich würde sagen geheimnisvolle Atmosphäre gehüllt. Im Dezember 1273 rief er seinen Freund und Sekretär Reginald zu sich, um ihm seinen Entschluß mitzuteilen, alle Arbeiten abzubrechen, da er während der Feier der Messe infolge einer übernatürlichen Offenbarung verstanden hatte, daß alles, was er bisher geschrieben hatte, nichts weiter als »ein Haufen Spreu« war. Diese geheimnisvolle Episode hilft uns nicht nur, die persönliche Demut des Thomas, sondern auch die Tatsache zu verstehen, daß alles, was wir über den Glauben denken und sagen können, so erhaben und rein es auch sein mag, von der Größe und der Schönheit Gottes unendlich übertroffen wird, die uns in Fülle im Paradies offenbart werden wird.“ Der Glaube also, hier verwoben mit der mystischen Schau, bahnt den Weg auf den Serpentinen des Lebens. Vielleicht ist wahrhaft selig zu nennen, wer, wie der heilige Thomas von Aquin, daran im Leben und im Sterben redlich zu glauben vermag. Dass Sebastian Ostritsch, ein Philosoph der Gegenwart, mit seinem neuen Buch an den großen Kirchenlehrer des Hochmittelalters erinnert, ist verdienstvoll.
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