Literatur

Auf Spurensuche in Nicaragua

Nach ihrem jahrelangen, verlustreichen Kampf gegen die über Jahrzehnte herrschende Somoza-Dynastie unter Präsident Anastasio Somoza Debayle in Nicaragua übernahm 1979 die links gerichtete Sandinistische Nationale Befreiungsfront die Regierung des zentralamerikanischen Staates. Es wurde sofort mit dem wirtschaftlichen, sozialen und rechtsstaatlichen Aufbau begonnen, wobei die Bedingungen alles andere als einfach waren: Die USA hatten Wirtschaftssanktionen verhängt und bildeten militärische Einheiten (Contras) in Honduras aus, die den sogenannten Contra-Krieg anzettelten, der zehntausenden Menschen das Leben kostete. Gleichzeitig - wie im Kalten Krieg vielerorts üblich - hielten die UdSSR mit Hilfs- und Waffenlieferungen dagegen. 1984 fanden die ersten Wahlen seit der Machübernahme der Sandinisten statt.

International kam es zu einer Solidarisierungswelle zugunsten der Sandinisten. Freiwillige Helfer, auch aus der Schweiz, reisten nach Nicaragua und stellten ihre Arbeitskraft und ihr Know-how für Aufbauprojekte zur Verfügung, tlw. auch mit Unterstützung der Regierungen der Herkunfstländer. 1984 waren weit über 100 Brigadisten in Nicaragua aktiv, sie wurden z. T. gezielt in den Grenzregionen Nicaraguas eingesetzt in der Hoffnung, die USA und ihre Contra von Angriffen abzuhalten, was nicht wirklich gelang, denn auch Schweizer Staatsbürger wurden getötet und Schweizer Hilfsprojekte angegriffen.

Regula Portillo siedelt ihren Roman in dieser Zeit sowie der Gegenwart an. Dreissig Jahre nach dem Höhepunkt der Nicaragua-Solidarität erfahren die zwei Geschwister Alma und Judith, dass ihre Eltern, Ruth und Markus, damals in Nicaragua als Brigadisten aktiv waren. Sie finden beim Sichten des Nachlasses ihrer verstorbenen Mutter zahlreiche Fotografien, Berichte und auch Briefe aus jener Zeit. Dass ihre Eltern einen Bezug zu Nicaragua hatten, wussten sie schon immer, dass sie "Politaktivsten" waren, wussten sie hingegen nicht. Die beiden Schwestern finden ihre Entdeckung ziemlich aufregend und wollen unbedingt mehr erfahren. Da aber auch ihr Vater schon länger tot ist, können sie niemanden mehr befragen. So beschliessen sie, eine gemeinsame Reise nach Nicaragua zu unternehmen, sich sozusagen auf die Spuren ihrer Eltern zu begeben.

Als Leser erfährt man, was Alma und Judith auf ihrer Reise erleben und entdecken. Gleichzeitig wird in Rückblenden Ruths und Markus' Geschichte in Nicaragua von ihrer Ankunft 1984 bis zu ihrer überstürzten Rückkehr acht Monate später in die Schweiz erzählt. Dass so ein Einsatz als Brigadisten nicht nur von romantischen Weltverbesserungsglücksgefühlen, sondern auch von Spannungen und Konflikten unter den Beteiligten, der Konfrontation mit Elend und durchaus auch von echten Gefahren für das eigene Leib und Leben begleitet wird, ist schnell klar. Auch die Beziehung zwischen Ruth und Markus wird auf die Probe gestellt, wobei sie aber nicht zerreisst. Oder hatte Ruth doch eine heimliche Affäre mit Paul, dem charismatischen Anführer? Überschattet wird der Einsatz in Nicaragua von dem Tod eines Brigadisten. War es ein Unfall, wie Paul und Ruth als einzige Zeugen berichten, oder steckt vielleicht doch etwas anderes dahinter? Wieso geht es Ruth nach dem tragischen Vorfall immer schlechter, weshalb auch eine Rückkehr in die Schweiz unumgänglich wird? Alma und Judith finden nur nach und nach Antworten auf diese drängenden Fragen, sie entdecken aber zahlreiche Spuren ihrer Eltern und treffen sogar Weggefährten, die damals mit den Brigadisten zusammengearbeitet hatten und aus erster Hand berichten können. Kreise schliessen sich auf überraschende, oder auch erschreckende, Art und Weise.

Portillo legt mit Ihrem Roman ein sorgfältig ausgearbeitetes Stück Literatur vor, in dem gekonnt und ohne ausschweifende Worte die Erlebnis- und Gefühlswelt der Protagonisten mit einer interessanten Episode der jüngeren Geschichte verwoben werden und sie schafft es ohne Effekthascherei eine feine Spannung beim Leser zu erzeugen, die bis zum Schluss anhält. Ein beeindruckendes Debut.

Schwirrflug
Regula Portillo

Schwirrflug


edition bücherlese 2017
248 Seiten, gebunden
EAN 978-3906907062

Ein Autor liest eine Zeitungsmeldung und macht daraus einen Roman

Bittermanns Außenseiterstory ist auch die Geschichte einer verlorenen Jugend, die, im Rückblick betrachtet, so verloren nicht wirkt. Es gibt Schlimmeres, als in den 1980er Jahren shopliftend und joyridend durch Norditalien zu driften.

Lesen

Alle auf der Flucht

Eine ideenreiche, komplexe und smarte Auseinandersetzung mit ganz vielen Grundfragen der menschlichen Existenz anhand des Internets, der Finanzkrise und vor allem der Beziehungen der Menschen untereinander.

Lesen

Familiäre Zusammenhänge

Ein Roman über Menschen auf der Suche nach ihren Wurzeln, die lernen, in der eigenen Vergangenheit und der ihrer Vorfahren Kraft zu finden für die Gestaltung und die positive Bewältigung ihres eigenen Lebens.

Lesen

Ungesundes ist im Gang

"Die Zeit der Ruhelosen" schildert eine Welt im Krieg und handelt so recht eigentlich (und überaus packend) fast alles ab, was im gegenwärtigen Frankreich (und in der politischen Welt allgemein) ein Thema ist

Lesen

100 Jahre Familie Buendía

Der Jahrhundertroman über die Familie Buendía in einer Neuübersetzung, das Werk, das Gabriel García Márquez 1967 berühmt machte und als Klassiker der südamerikanischen Literatur gilt, gebunden in Hardcover und mit Schutzumschlag.

Lesen

Das Unbewältigbare bewältigen

Eddie Joyce hat sich vorgestellt, wie die Angehörigen eines bei 9/11 zu Tode gekommenen Feuerwehrmannes mit ihrem Schicksal zurecht kommen. Das Ergebnis ist ein einfühlsamer, gescheiter und differenzierter Roman.

Lesen
Ruf mich bei deinem Namen
Alles, was wir geben mussten
Sommerlügen
Kleinigkeiten
Hundert Tage
Hinter dem Bahnhof
Die Fotografin
Der Sieger bleibt allein
Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone
Eine Zeit ohne Tod
Die Unbehüteten
Die Geschichte von Herrn Sommer
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018