Angewandte Wissenschaft
Man nehme: ein bißchen "Matrix", ein bißchen "Schweigen der Lämmer", profunde medizinische Kenntnisse und ungefähr ein Dutzend abgegraste Klischees, schon hat man die Ingredienzien für einen erfolgreichen "Gerichtsmediziner-Thriller" zusammen - Hurra Hurra Hurra - gähn.
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Sie schütteln den Kopf? Lassen Sie mich den Beweis antreten in Form von Tess Gerritsens neuem Schocker "Schwesternmord". Hier die Story: Die forensische Pathologin Maura Isles findet bei der Rückkehr aus Paris ihr Haus von Polizei umringt. In einem vor dem Haus geparkten Auto liegt eine Frauenleiche, die ihr aufs Haar gleicht. Schnell führt die Spur zum (Klischee) Ex-Mann, gegen den (Klischee) eine einstweilige Verfügung wegen Stalking und Körperverletzung vorliegt, der sich daran aber (Klischee) selbstverständlich nicht hält.
Während die Polizei, verkörpert von der hochschwangeren Polizistin Jane Rizzoli, keine weiteren Spuren findet, ermittelt Maura in der Vergangenheit ihrer Schwester. Über diesen Umweg findet sie ihre leibliche Mutter, die (Klischee) dem Wahnsinn verfallen zwei Morde beging und nun als Schizophrene im Gefängnis sitzt. Die (Klischee) nicht minder psychotische Psychologin der Mutter war auch (Klischee) Ärztin der Tochter, weigert sich aber (Klischee), der Polizei irgendwelche Angaben zum Inhalt der Gespräche zu machen.
Hier sollte die Aufzählung besser enden, der weitere Verlauf der Geschichte sei nicht verraten. Denn spannend erzählt ist der Plot, wenngleich er sich zu schnell entwickelt. Dabei verliert die Autorin aus den Augen, dass der Zufall in allen Kriminalromanen eine große Rolle spielt, man diesen Faktor aber nicht überstrapazieren darf. So stolpern in dieser Geschichte die Ermittler ständig von Beweis zu Beweis, ohne im eigentlichen Sinne zu ermitteln. Die Fingerzeige fallen förmlich vom Himmel, und das in einer Anzahl, dass man unwillkürlich an einen Sternschnuppenregen denkt - jede Schnuppe bedeutet einen erfüllten Wunsch. Die Charaktere bleiben trotz der Tragik der anfänglichen Geschichte kalt und emotionslos. Selbst grausamste Vorstellungen lösen kaum eine Gänsehaut aus, weil es der Autorin nicht gelingt, den Hörer in den Bann zu ziehen.
Licht und Schatten
Die Lesung von Katharina Thalbach hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Es gelingt ihr hervorragend, die unterschiedlichen Emotionen des Buches zu erfassen und zu vermitteln. Doch gerade die Textpassagen, die sich auf innere Monologe oder geflüsterte Gespräche beziehen, sind extrem leise und somit unterwegs kaum verständlich. Erschwerend kommt hinzu, dass die Tracks bis zu 22 Minuten lang sind und es dadurch unnötig erschwert wird, bestimmte Textstellen problemlos wieder zu finden. Da dem Hörbuch keine Liste der Personen und Orte beilag, blieben manche Namen einfach unverständlich. Auch die Auslieferung als Juwel-Case ist für ein mobiles Medium nicht zeitgemäß. Die von anderen Verlagen benutzten Schmuck- oder Pappboxen sind hier wesentlich besser geeignet.
Fazit: Alle Freunde der sinnfreien Obduktionsbeschreibungen kommen hier voll auf die Kosten: fast 20 Minuten lang unterhält uns die Autorin mit einer Kostprobe ihres medizinischen Wissens. Dies ist schon fast rekordverdächtig. Ansonsten wird hier alles geboten, was das Hard-Core-Herz will: Mord, Blut, noch mehr Morde, viel mehr Blut, Serienmorde, literweise Blut und Massenmord mit Hektolitern Blut. Die richtige Lektüre für angehende Mediziner und blutarme Realisten.
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