Gesellschaft

Wie sagt man furzen auf Hochdeutsch?

"Natürlich habe ich für dieses Büchlein mit zahlreichen Menschen gesprochen, mit Schweizern und, im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung, auch mit ein paar Deutschen."

Der Anlass für diese umfangreichen Recherchen ist eine Besorgnis erregende Entwicklung, die in unserem Land zurzeit für mehr Schlagzeilen sorgt, als der drohende Einbruch der Konjunktur, der unaufhaltsame Sinkflug der SVP oder die zahlreichen Unfälle in der Schweizer Armee: Wir Schweizer fühlen uns von den Deutschen immer stärker bedrängt. Und so hat sich Bruno Ziauddin, Journalist bei der Weltwoche, aufgemacht, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen und die Gründe für die progressiv wachsenden Feindseligkeiten sorgfältig aufzuarbeiten.

Er tut dies mit einem reichen Repertoire journalistischer und wissenschaftlicher Stilmittel: Er identifiziert die sprachlichen Unterschiede ("Wie sagt man furzen auf Hochdeutsch?"), porträtiert seinen betroffenen Freund Roman ("Er hat in Berlin einem prominenten germanischen Grossmaul ebendieses gestopft.") und stellt - ganz Journalist - seine sehr persönlichen Erlebnisse in den Mittelpunkt: "Ich entsinne mich noch vage daran, wie ich in einem Konstanzer Lokal, das irgendwie düsterer war als das, was ich von der Schweiz her kannte, ein Getränk vorgesetzt bekam, das wie Cola aussah, aber zu meiner Enttäuschung überhaupt nicht wie Cola schmeckte." Selbstverständlich fehlt auch die differenzierte Beschreibung der deutschen Persönlichkeitsstruktur nicht: "Sie kommen in Scharen, sprechen laut und wissen alles besser."

Zur Verteidigung des armen Bruno Ziauddin darf immerhin festgehalten werden, dass er bei weitem nicht der einzige ist, für den die vergangenen Fussball-Europameisterschaften in der Schweiz und in Österreich sowie die Angst, dass die Deutschen erfolgreich abschneiden könnten, als umfassendes Marketingkonzept für ein bestechendes Konsumgut herhalten mussten. Allerdings: Das Turnier ist mittlerweile Vergangenheit, und trotz Finaleinzug der Deutschen waren in der Schweiz so gut wie keine Ressentiments spürbar. Viel Wind um nichts also. Oder um es auf dem sprachlichen Niveau des Büchleins auszudrücken: Schweizerdeutsch gefurzt. Wobei bei aller Kritik nicht unbedingt zu folgern ist, ein seichtes Blabla beziehungsweise ein unstrukturiertes Aneinanderreihen von Klischees und Belanglosigkeiten könne mitunter nicht auch unterhalten. Auf den gut zweihundert Seiten gibt es durchaus einige Stellen, die einen schmunzeln lassen können. Einige wenige.

In der Mitte seines Büchleins teilt uns der Autor unter dem Titel "Tierwelt" übrigens mit, welcher übergeordneten Leitidee seine brisanten Ausführungen folgen: "These: Die wahre Kuhnation, das sind die Deutschen." Und auch was seine ganz persönliche Haltung betrifft, überrascht er uns: "Unter normalen Umständen ist meine Haltung Deutschen und Deutschem gegenüber so neutral wie Babyshampoo von Johnson." Grosse Literatur.

von André Kesper - 06. August 2008 - Short URL https://goo.gl/a98yE

Gesellschaft Kultur

Grüezi Gummihälse
Bruno Ziauddin

Grüezi Gummihälse


Warum uns die Deutschen manchmal auf die Nerven gehen
Rowohlt 2008
224 Seiten, broschiert
EAN 978-3499624032

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