Gesellschaft

Wie bünzlig sind die Schweizer?

Der Mensch nimmt eher das Außergewöhnliche als das Normale wahr. Besonders der Deutsche. Deshalb verreist er so gerne. Nach Holland etwa. Entspannt, tolerant, nonchalant geht es seiner Wahrnehmung nach dort zu. Doch beschränkt sich diese Lockerheit in erster Linie auf die Hauptstadt. Amsterdam ist nicht Holland und Holland nicht die Niederlande (es kommen noch die Provinzen Limburg und Friesland hinzu), und irgendwann merkt auch der letzte Deutsche, dass sie im westlichen Nachbarland mehrheitlich normaal sind. Was ein anderes Nachbarland betrifft, merkt er überhaupt nichts.

Der Deutsche nimmt die Schweizer erst gar nicht wahr. Und wenn, dann nur als verspießerte Kopie seines riesengroßen Egos, selbstverständlich im Kleinformat. Daher ist das Positivste, was der Deutsche dem Schweizer Volk abzuringen vermag, das Adjektiv "niedlich": der schwyzerdütsche Dialekt sei niedlich (in Wirklichkeit handelt es sich um eine Sprache), die Dörfer seien niedlich (84 Prozent leben in Städten, in Deutschland sind es nur 77 Prozent), das Land sei niedlich (die Staatsgründung erfolgte 580 Jahre vor der deutschen).

Die Schweizer ärgern sich über die stereotype Sichtweise. Vor allem die Deutschschweizer; die Westschweizer sind eher daran interessiert, was die Franzosen, die Tessiner, was die Italiener über sie denken. Wenn dann noch, als negativer Höhepunkt, die Einschätzung hinzukommt, Schweizer hätten keinen Humor, ist der Spaß endgültig vorbei! Oder doch nicht?

Letzten Endes hilft nur die Flucht in die Selbstironie. Die hat der Orell Füssli Verlag angetreten, mit einer kleinen Selbstgeißelungsfibel. Schweizer sind, ist darin zu lesen, langsam und langweilig, pedantisch und provinziell, stellen Sicherheit über Spaß und den Kontostand vor den Konsum - und statt solche stereotypen Vorwürfe schlagfertig zu kontern, ergehen sie sich in Selbstkritik. Eigentlich ganz sympathisch, diese Schweizer. Von ihrer Unaufgeregtheit könnten sich Deutsche, von ihrer Bescheidenheit Amerikaner, von ihrem Understatement sogar Briten eine Scheibe abschneiden.

Das self-bashing (Schweizer benutzen gerne Fremdwörter) lässt Ausländer schmunzeln und Inländer selbstbewusst nicken. Die Schweiz hat halt ihre guten und ihre schlechten Seiten; vor allem sind diese von Kanton zu Kanton verschieden. Nach der Lektüre von Schweizer sind Bünzlis weiß der auswärtige Leser, wie die Einheimischen ticken, und speziell der deutsche, warum er sich vielleicht doch für seinen südlichen Nachbarn interessieren sollte. Natürlich erfährt er auch, was ein Bünzli ist. Was er leider nicht erfährt: wer das Buch geschrieben hat. Die beiden Autorinnen sind nur im Kleingedruckten vermerkt. An dieser Stelle widerfährt ihnen mehr Ehre: Angela Pietzsch und Esther Hürlimann (die Namen verraten die Herkunft) ist ein rundum vergnügliches Schweizbrevier gelungen!

Schweizer sind Bünzlis!
Angela Pietzsch
Esther Hürlimann

Schweizer sind Bünzlis!


Die grössten Gemeinheiten und fiesesten Lügen über ein unschuldiges Land
orell füssli 2016
96 Seiten, gebunden
EAN 978-3280056264

L.A.: El Puebla de Nuestra Senora La Reina de Los Angeles del Rio de Porciuncula

Eine fotografische Hommage an die "Stadt der Engel", vom Immobilienboom der 1880er-Jahre bis ins 21. Jahrhundert in über 500 Bildern und mit informativen Texten.

Lesen

Unterwegs über den Horizont hinaus

Erik Wegerhoff legt in dieser Anthologie zur Bedeutung der Straße auch ein Bekenntnis zum Heilsversprechen ab: denn das Ende der Straße verspricht die Erlösung, selbst wenn der Horizont unendlich scheint.

Lesen

Salvation: Johnny trifft June

Reinhard Kleist erzählt die Geschichte von Johnny Cash und seiner Errettung durch June Carter in aufregenden Bildern. Form und Inhalt vereinigen sich zu einer perfekten Synthese voller Lesevergnügen. Ein Must.

Lesen

1967: Geburt der Popkultur

Im Jahr 1967 entstanden nicht nur die wichtigsten Werke der Popkultur, sondern es war auch das Jahr des Vormarschs einer Jugendbewegung, der erst 1968 eingedämmt werden konnte. Ernst Hofacker erzählt von den bahnbrechenden kulturellen Revolutionen des Jahres, in dem alles noch möglich schien.

Lesen

Eine Reise gegen den Strom. Nick Thorpes lesenswertes Buch über die Donau.

Fermor, Magris und Esterházy zum Trotz liefert Nick Thorpe einen lohnenden Beweggrund, wieder einmal ein Buch über die Donau zu kaufen.

Lesen

Venedig nach Henry James

Die Hommage an einen Lebensstil beleuchtet die verschiedenen Reisen und Aufenthalte Henry James' in der Stadt der Träume und Illusionen. Eine wunderbare Huldigung in einer bibliophilen Ausgabe.

Lesen
Krawall
Stadt der Commonisten
Kulturen der Differenz
Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger
Cecilia
Heimat Trilogie
Kulturelle Unterschiede in der Europäischen Union
Umweltsoziologie
Das weibliche Gehirn
Grüezi Gummihälse
Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert
Interkulturell denken und handeln
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018