Schlurfkatzen Mit Swing gegen die Nazis
Das bereits dritte Werk der Autorin und Buchhändlerin in der Edition Atelier erzählt die Geschichte einer Widerstandsgruppe während des Zweiten Weltkrieges. Jorghi Poll illustrierte die spannende Geschichte um das Leben der Vibraphonistin Vera Auer (1919–1996), die es trotz des Verbots verstand, Jazz und Swing im Dritten Reich zu „leben“.
Hommage an die europäische Swing-Jugend
Jazz galt im Nationalsozialismus – so wie vieles andere auch – als sog. „entartete Kunst“, das Tanzen von Swing war sogar ausdrücklich seit 1939 behördlich verboten. Die Wiener Subkultur der Schlurfs und Schlurfkatzen bestand aus Jugendlichen, die im Untergrund und an geheimen Plätzen ihrem Geschmack lebhaft Ausdruck verliehen – auch auf die Gefahr hin, dafür ins Gefängnis gehen zu müssen. Die sog. Swing-Kultur war damals in allen von Deutschland besetzten Gebieten verbreitet, auch wenn länderspezifisch unterschiedliche Begriffe für sie verwendet wurden. Im besetzten Paris waren die Jugendlichen „Zazous“, in Prag „potapki“ und im ebenfalls besetzten Österreich eben „Schlurf“. Das ist in Wien eine bis heute gebrauchte abwertende Bezeichnung für ungepflegte junge Männer mit Haaren, die im Nacken bis zum Hemdkragen reichen. In manchen Ländern gilt es heute noch als Skandal, als Mann lange Haare zu tragen. In anderen ist es schlicht eines von vielen modischen Accessoires und hat seine ursprüngliche rebellische Bedeutung längst verloren. Aber die Wiener Schlurfs ließen sich trotz der massiven Repressionen eines Verbrecherregimes nicht unterkriegen, wie auch die vorliegende Graphic Novel zeigt.
Widerstand in Lederhose und Dirndl
In der vorliegenden Graphic Novel von Barbara Kadletz besucht die fiktive Protagonistin Luise kurz vor Kriegsbeginn ein Konzert der Vibraphonistin Vera Auer und verpasst keine Gelegenheit, dazu Swing zu tanzen und die Musik live zu hören. Aber Achtung! Die Nachbarn („die Dworak“ zum Beispiel) haben scharfe Augen und spitze Ohren und verpfeifen gerne ihre aufsässigen Mitbewohner, wohl aus Neid, selbst zu alt dafür zu sein. Dabei spielt Alter doch eigentlich keine Rolle, wenn es darum geht, sich mit anderen Menschen zu vergnügen und Spaß zu haben. Spitzel der Gestapo befinden sich aber auch mitten unter den Tanzenden, etwa in der „Steffi-Diele“, dem illegalen Tanzlokal in Zentrumsnähe, oder der „Papageno-Diele“ in der Operngasse. Aber auch beim Wiener Wurstelprater treffen sich die Schlurfs und liefern sich Schlägereien mit dem Streifendienst der Hitlerjugend. Unfreiwillig, muss man sagen. Denn die Schlurfs wollen eigentlich nur eines: Tanzen! Als dann einer von ihnen gefasst wird, kommt es zu einer spektakulären Gefangenenbefreiung in Landestracht. Dirndl und Blaskapelle inklusive.
Bemerkenswert sind vor allem die stilsicheren Illustrationen von Jorghi Poll, der etwa die Schlurfs mit Katzenohren zeichnet und die Nazis ohne Gesichter, als „gesichtslose Masse“. Auch die Farbgebung der Geschichte ist einzigartig.
Alle Rezensionen von Juergen Weber