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Die Schlafenden rütteln wach

Die fulminante Alpensprengung in den ersten Sätzen, verlegt zwar noch keine Grenzen, stellt ihre Legitimität aber durchaus schon mal in Frage. Da 'im Grund kein Weg vorhanden ist', tasten sich die gestrandeten Figuren in Dorothee Elmigers Zweitling "Schlafgänger" schlafwandelnd voran, erzählen und suchen nach Antworten. Eine Schriftstellerin, eine Übersetzerin und ein Logistiker halten sich mit einigen anderen Menschen in einem Raum auf - ob sie am Ziel angekommen oder noch auf der Flucht sind, weiss niemand so genau - und reden sowohl mit- als oft auch aneinander vorbei. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, wer was sagt und wer was erlebt hat.

"Schlafgänger" ist kein Roman im klassischen Sinn, wer nach einem Plot, nach einem Anfang oder Ende sucht, sucht vergeben. Lässt man sich aber darauf ein, den Text nicht als narrative Geschichte, sondern als Fragmente und Frequenzen eines langen Flüchtlingsgedichts zu lesen, wird es überaus spannend. "Wenn ich das beschreiben müsste, dann ungefähr so", erklärt der Logistiker und beschreibt über seine Befindlichkeit hinaus gleichzeitig unsere mögliche Leseerfahrung, "als hätte ich in einem Fieber die Zeitungen gelesen, und es wäre mir alles direkt in den Kopf gestiegen, als wäre alles Mögliche tatsächlich und vor meinen eigenen Augen geschehen oder als wäre ich in ungeheurem Tempo durch die Welt gegangen und hätte alles mitangesehen."

Sie habe 'das Gespräch über Flüchtlingsthemen in einer anderen Sprache führen wollen, als es in der öffentlichkeit passiere', erklärt Elmiger in einem Interview, und liefert damit den Schlüssel zum Buch. Tatsächlich gibt sie den Flüchtenden, den Vertriebenen, Migranten und Heimatlosen jene Stimmen - manchmal klar und fest, manchmal zitternd, zweifelnd und flüsternd -, die in den laut geführten, politischen Debatten nicht gehört werden, nicht gehört werden wollen. Nirgendwo wird Politik poetischer erzählt als bei Elmiger.

Dennoch bleibt die Frage, ob der Text darunter litte, wenn gewisse Eigenschaften und Erlebnisse den erzählenden Menschen zuzuordnen und diese dadurch dem Leser greifbarer gemacht und näher gebracht würden. Als A.L. Erika beispielsweise berichtet, im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet Christopher kennengelernt zu haben, wird es auf einmal angenehm persönlich, was bestimmt auch damit zu tun hat, dass die Episode zwar nicht zu Ende, aber doch ausführlicher als sonst erzählt wird. Ursprünglich wollte A.L. Erika ja eine Reportage schreiben über den Grenzüberhang zwischen Mexiko und Kalifornien, wo sich Menschen 'stillschweigend in einen Transporter legten, um so die Grenze zu überqueren vom südlichen ins nördliche Amerika'. Doch wie sie Abend für Abend neben diesem Christopher über den Parkplatz schlendert und beiläufige Gespräche führt, weiss sie, dass es einem Verrat gleichkäme, ihn, der sich 'in einer hilflosen Situation befand' und seinen Körper 'klandestin und gefährdet über die Grenze bewegte', zwecks einer Reportage zu befragen.

Für ihr Debüt "Einladung an die Waghalsigen" (2010) wurde die 1985 geborene Elmiger, die an den Literaturinstituten Biel und Leipzig studiert hatte, 2011 mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet, und für den Schweizer Buchpreis nominiert. Ihr und uns zu wünschen ist, dass es für "Schlafgänger" nicht bei einer Nomination bleibt.


von Regula Portillo - 11. Juli 2014
Schlafgänger
Dorothee Elmiger

Schlafgänger


Dumont 2014
142 Seiten, gebunden
EAN 978-3832197421