Ein Leben voller Rätsel
Es gibt Schicksale, die es eigentlich nicht geben dürfte. Das Leben des jüdischen SS-Offiziers Fritz Scherwitz gehört dazu. Ein neues Buch versucht, seine rätselhafte Biographie aufzuzeigen.
"Am 26. April 1948, einem schönen Frühlingstag, wird der Regionalleiter für die Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus, Dr. Eleke Scherwitz, in München als mutmaßlicher Kriegsverbrecher verhaftet." Mit diesem Tag beginnt der Anfang vom Ende der Erfolgsstory des Fritz Scherwitz, alias Elke Sirewitz, alias Eleke Scherwitz. Zwei Jahre später wird er wegen mehrfachen Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt. Als er das Gefängnis verlässt ist Scherwitz ein gebrochener Mann.
Doch zurück zum Anfang: Die Berliner Historikerin Anita Kugler ist der unglaublichen Lebensgeschichte des Fritz Scherwitz auf die Spur gekommen. Trotz mehrjähriger Recherchen ist es ihr nicht gelungen, seine Herkunft zweifelsfrei zu klären. Wir wissen heute mit großer Wahrscheinlichkeit, dass Scherwitz jüdischer Herkunft, geboren um 1908 in Wilna ist. Aber zu oft hat er seine Biographie nach den aktuellen Anforderungen gewechselt, als dass sichere Schlüsse zu ziehen sind.
Wirren der Zwischenkriegszeit
Sicher ist heute, dass Scherwitz nach dem I. Weltkrieg in den Reihen der deutschen Freikorps im Baltikum kämpfte. Die Wirren der zwanziger Jahre spülen ihn nach Berlin. 1933 tritt er dort in die SS ein. Warum, bleibt unklar. Vielleicht liegt der Grund in seiner erfolglosen Tätigkeit als Geschäftsmann, vielleicht die Hoffnung auf bessere unternehmerische Möglichkeiten. Auf jeden Fall gelingt es ihm, dem Juden, einen "Arierbescheid" und damit eine Heiratserlaubnis durch das Reichssicherheitshauptamt zu erhalten! Zu Kriegsbeginn wird Scherwitz eingezogen und durch die Sicherheitspolizei nach Riga versetzt. Hier beginnt der erste Abschnitt seiner unglaublichen Geschichte.
Als SS-Offizier im Ghetto
1941 übernimmt Scherwitz die Geschäfte eines Werkstattbetriebes im Ghetto von Riga. Schnell gelingt es ihm, sich mit "seinen" inhaftierten jüdischen Handwerkern bei SS und Wehrmacht unverzichtbar zu machen. Sie bessern Wohnungen aus, halten Fahrzeuge instand und machen den Besatzern das Leben angenehm. Scherwitz erkennt seine Chance, denn die deutschen Offiziere gieren nach Luxusartikeln. Scherwitz lässt schneidern und Luxusgegenstände anfertigen. Binnen kurzer Zeit hat er mehrere hundert jüdische Mitarbeiter. Kaserniert in den Werkstätten sind sie sicher vor der Vernichtung. Es gibt keine Erschießungen, genug Nahrung, menschenwürdige Behandlung und v. a. keine Vernichtung durch Arbeit. Die Menschen drängen zu Scherwitz, es heißt er sei bestechlich und suche neue Häftlinge nach Vermögen aus. Auf jeden Fall lebt Scherwitz mehr als auskömmlich.
Im Februar 1943, nach der blutigen Auflösung des Rigaer Ghettos gelingt es ihm sogar, eine ehemalige Textilfabrik mit eigenem Wachpersonal zu requirieren, die Lenta. Fast 1.000 Häftlinge leben dort über ein Jahr, bevor die Rote Armee das Baltikum erobert. Es gelingt Scherwitz sogar, "seine" Häftlinge vor den Todesmärschen zu bewahren. Im August 1944 erhält er den Befehl, das Lager in das KZ Stutthof bei Danzig zu überführen. Scherwitz widersetzt sich, löst den Transport unterwegs auf und taucht selber unter.
Treuhänder und Kriegsopferbetreuer
Auf der Flucht gelangt er bis nach Heidesheim/Rhein. Er wird anfangs als Kriegsgefangener inhaftiert und wechselt wieder einmal seine Biographie. Aus dem ehemaligen SS-Mitglied wird ein jüdischer Häftling, der angeblich in Auschwitz und Riga inhaftiert war und mit ansehen musste, wie seine Familie im KZ ermordet wurde. Bis heute ist unklar, wie es ihm gelingen konnte, aber Scherwitz wird entlassen. Auf verschlungenen Pfaden verschlägt es ihn in das schwäbische Wertingen bei Augsburg. Scherwitz findet Aufnahme in der Familie eines Kameraden aus Lagerzeiten.
Und hier macht er sein Meisterstück: Mit der Biographie des halbverhungerten jüdischen NS-Opfers macht er wiederum Karriere. Scherwitz wird von der amerikanischen Militärregierung zum Treuhänder der Vermögen (ehemaliger) örtlicher Nazis eingesetzt. Er schwimmt geradezu im Wohlstand, macht sich Feinde unter den Einwohnern und sorgt sich um die Flüchtlinge aus dem Osten, beschafft Wohnraum, Arbeit, Kleidung.
1947 setzt er sogar noch einen drauf: Während seine Treuhandschaften auslaufen, wird Scherwitz Verfolgtenbeauftragter in Bayern. Das jüdische SS-Mitglied wird Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst. Scherwitz reist umher und versucht seinen Pflichten gegenüber den Kriegsopfern und Flüchtlingen nachzukommen. Zufällig erkennt ihn ein ehemaliger Häftling aus Riga und zeigt ihn an. Der Rest ist schnell erzählt, Scherwitz kommt in Haft, wird in mehreren - höchst zweifelhaften - Prozessen als Kriegsverbrecher und Mörder angeklagt und verurteilt. Angeblich soll er in seiner Zeit auf der Lenta vier Flüchtlinge eigenhändig erschossen haben. Ein Vorwurf, der nie bewiesen werden kann. In den letzten Jahren schlägt er sich als Handelsvertreter durch und versucht verzweifelt, sich juristisch zu rehabilitieren. Vergeblich, 1962 verstirbt Scherwitz schwerkrank in München.
Ein Mörder oder zweiter Oskar Schindler?
Die Frage, wer Fritz Scherwitz eigentlich war, kann Anita Kugler trotz umfangreicher Recherchen nicht klären. Auf jeden Fall ist es ihr gelungen, eine nahezu unglaubliche Biographie zu entdecken. Der detailreiche Band liest sich teilweise spannend wie ein Kriminalroman. Irgendwie kann man dem eitlen und sicher auch egoistischen Scherwitz nicht wirklich böse sein. Die Frage, was schwerer wiegt, die Rettung der jüdischen Häftlinge oder seine menschlichen Schwächen und das ständige Schwimmen mit dem Strom, mag jeder Leser für sich selbst beantworten.
Zuweilen stockt auch der Atem, so beim Kapitel über den "Rigaer Blutsonntag" (November 1941). Die Massenerschießungen in den Wäldern von Rumbula nach der Auflösung des Ghettos zählen zum Bestialischsten, was Menschen einander antun können.
Anita Kugler hat mit "Scherwitz" ein beeindruckendes und bedrückendes Buch vorgelegt. Es ist wichtig, dass Schicksale wie das seinige nicht in Vergessenheit geraten. Auch wenn sein Leben voller Rätsel bleibt.
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