Gesellschaft

"Hätte ich doch nur ein kritischeres Buch geschrieben"

"Hinterher, als die Welt um ihn herum explodierte und die todbringenden Krähen sich im Schulhof auf dem Klettergerüst versammelten, wurmte es ihn, dass er den Namen der BBC-Reporterin vergessen hatte, die ihm sagte, sein altes Leben sei vorbei, für ihn beginne eine neue, eine dunklere Existenz." Wer so seine Autobiografie beginnt, hat meine vollste Aufmerksamkeit - und "Joseph Anton" von Salman Rushdie verdient sie.

Man erinnert sich: am Valentinstag des Jahres 1989 erliess Khomeni, der Führer der islamischen Revolution, eine Fatwa, ein Edikt also, das Rushdie, den Verfasser der 'Satanischen Verse', die sich angeblich gegen den Islam, den Propheten und den Koran richten, zum Tode verurteilte. Im amerikanischen Fernsehen wird Rushdie gefragt, was er von der Drohung halte? Seine Antwort: "Hätte ich doch nur ein kritischeres Buch geschrieben." Eine Aussage, auf die er auch heute noch stolz ist, denn er hatte nicht den Eindruck, sich in seinem Buch besonders kritisch mit dem Islam auseinandergesetzt zu haben.

Rushdie glaubte damals, der Fatwa-Spuk würde sich in ein paar Tagen erledigt haben. Dass sein japanischer Übersetzer und sein norwegischer Verleger umgebracht werden würden, damit rechnete niemand. Erst 1998 distanzierte sich der Iran offiziell von der Fatwa. Der Personenschutz für Rushdie wurde 2002 aufgehoben.

Ich lese "Joseph Anton" ganz langsam. Zum einen, weil ich nicht möchte, dass die Lektüre zu schnell vorüber ist, zum andern, weil mir sonst (der spannend erzählten Geschichte wegen) ganz viele ganz schlaue Gedanken entgehen könnten. Dieser zum Beispiel: "Es sind stets die Frauen, die sich entscheiden; den Männern bleibt nur, dankbar zu sein, wenn sie die Glücklichen sind, für die sie sich entscheiden haben." Stimmt das? Keine Ahnung, ich bin immer noch am Nachdenken. Oder dieser: "Verlässt ein Buch den Schreibtisch des Autors, verändert es sich. Noch ehe jemand anderes es gelesen hat, noch ehe der Blick eines anderen Menschen auch nur auf einen einzigen Satz fiel, hat es sich unwiderruflich verändert. Es wurde zu einem 'Buch, das gelesen werden kann', das nicht mehr allein seinem Verfasser gehört. Es besitzt nun gleichsam einen freien Willen und wird seine Reise durch die Welt antreten, dagegen kann der Autor nichts mehr machen. Ja, er selbst liest jetzt, da seine Worte von anderen gelesen werden können, die eigenen Sätze anders, sobald er einen Blick ins Buch wirft. Sie kommen ihm wie fremde Sätze vor. Das Buch ist hinaus in die Welt gegangen, und die Welt hat es umgestaltet."

'Die satanischen Verse' wurden möglicherweise öfter verurteilt als gelesen. Auch der indische Parlamentsabgeordnete, der verlangte, dass man in Indien gegen dieses 'blasphemische' Werk etwas unternehmen müsse, hatte das Buch nach eigenen Angaben nicht gelesen, schliesslich brauche er doch nicht 'durch einen dreckigen Abwassergraben zu laufen, um zu wissen, was Dreck ist', was Rushdie treffend so kommentiert: "ein durchaus vernünftiger Standpunkt, zumindest wenn es um Abwassergräben ging."

Beeindruckend ist die Aufrichtigkeit, die Rushdie zeigt. So macht er keinen Hehl daraus, dass er von einigen seiner Mitstudenten als recht unangenehm und arrogant wahrgenommen worden ist. Und er zitiert Robin Davidson ("blond, blauäugig, stets sorgenvoll, überhaupt nicht sein Typ"), mit der er drei Jahre lang eine Affäre hatte und die in ihrem ersten und einzigen Roman einen sadistischen Mann vorkommen lässt, weswegen sie vom 'Guardian' gefragt wurde, ob Salman Rushdie die Vorlage für den Mann gewesen sei: "Nicht so sehr wie in der ersten Fassung", antwortete sie.

"Joseph Anton" ist ganz vieles in Einem.
- Ein eindrückliches Plädoyer für die Meinungsäusserungsfreiheit (welche auch die Freiheit beinhaltet, ein Idiot oder ein schlechter Mensch zu sein, wie Rushdie in einem Interview sagte).
- Ein Thriller, ein wirklicher, kein erfundener, darüber, wie er plötzlich nicht mehr nach Hause konnte, ihm gesagt wird, er müsse sich eine neue Bleibe suchen und wie er sich, mit Hilfe der britischen Polizei verstecken musste.
- Ein Text darüber, wer nach Khomeinis Fatwa zu Rushdie gehalten (etwa Ian McEwan, Aziz al-Azmeh und Fadia Faqir) und wer ihn verraten hat (so Germaine Greer, John Berger und John le Carré). Für mich neu war auch, dass das amerikanische PEN-Zentrum, geführt von Susan Sontag, Lesungen aus 'den satanischen Versen' veranstaltete. Zu den Vorlesern gehörten auch John DeLillo und Norman Mailer. Dabei gab es einige prominente Autoren (etwas Arthur Miller), die anfangs Ausflüchte vorbrachten, doch von Susan Sontag energisch zur Ordnung gepfiffen wurden.
- Ein Buch über seine Frauen, Bekannten und Freunde.
- Eine Auseinandersetzung mit dem Fremdsein, mit Rassismus und Diskriminierung.
- Die Schilderung eines ambitionierten, am Erfolg orientierten Egos.
- Und und und ...
- Eine Geschichte übers Geschichtenerzählen. Salman Rushdie wuchs mit den wundersamen Geschichten und Fabeln des Ostens auf. "Mit diesen Geschichten aufzuwachsen bedeutete, zwei unvergessliche Lektionen zu lernen: Zum einen die, dass Geschichten nicht wahr waren (es gab keine 'echten' Dschinns in Flaschen, keine fliegenden Teppiche, keine Wunderlampen), nur konnte ihre Unwahrheit in Wahrheiten fühlen und wissen lassen, die ihm die Wahrheit selbst nicht zu vermitteln vermochte; und zum Zweiten lernte er, dass ihm alle Geschichten gehörten, so wie sie auch seinem Vater Anis und allen übrigen Menschen gehörten ... Der Mensch ist das Geschichten erzählende Wesen, die einzige Kreatur auf Erden, die sich Geschichten erzählt, um zu begreifen, was für ein Geschöpf sie ist."

"Joseph Anton" ist eines dieser seltenen Bücher, bei dem man spürt, dass es etwas ganz Besonderes ist. Weil der Autor hier ein Werk geschaffen hat, das weit über eine Autobiografie hinausgeht und so recht eigentlich eine moderne Sittengeschichte, eine veritable 'comédie humaine' ist. Rushdies Geschichte ("Die Geschichte war sein Geburtsrecht, und niemand konnte ihm das nehmen.") zeigt das Gewöhnliche und Aussergewöhnliche, den Mut und die Zivilcourage, aber auch das Anpassertum und die Erbärmlichkeit der Welt, in der wir leben, differenziert, eindringlich und mit Humor. "Joseph Anton" ist ein grossartiges Buch!

Joseph Anton
Salman Rushdie

Joseph Anton


Die Autobiographie
Bertelsmann 2012
720 Seiten, gebunden
EAN 978-3570101148

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