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Pik ist Trumpf

In Boris Akunins Roman "Russisches Poker" lügt und betrügt sich ein Gauner-Pärchen durch Moskau und streicht dabei Unsummen ein. Der dekadente und hochmütige Adel lacht schallend über ihre Possen, solange es "die anderen" trifft. Doch der berühmte Ermittler Fandorin ist nicht besonders amüsiert über die Dreistigkeit des Duos und nimmt die Verfolgung auf. Wieder besticht der Hofrat durch seine Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, wo andere versagen und sein wacher und blitzgescheiter Verstand führt ihn letztendlich auf die Spur der Gauner. Doch der "Pik-Bube", so der Spitzname des Betrügers, wäre nicht der König der Diebe, wenn er sich so leicht dingfest machen lassen würde. Und so beginnt eine Schnitzeljagd durch prunkvolle Paläste, trifft Fandorin gelangweilte Galane, armselige Adlige, kokette Kammerdamen, protzende Prinzessinnen und noch viel mehr illustres Volk - bis zum überraschenden Ende.

Bereits zehn Romane rund um den russischen Hofrat Erast Petrowitsch Fandorin sind mittlerweile von Boris Akunin, übrigens ein Pseudonym, veröffentlicht worden. Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um das fünfte Abenteuer des Sonderbeauftragten im zaristischen Russland. Akunin weicht auch hier nicht vom erfolgreichen Konzept der Vorgänger ab: geschildert wird "die gute alte Zeit", in der Russland noch unangefochtene Weltmacht, der Adel stark, die Bauern geknechtet, die Bösen schnell auszumachen und die Guten auf der richtigen Seite standen. Es handelt sich allerdings weniger um historische Romane, als um Kriminalromane, die in der Vergangenheit spielen. Kritik an der damaligen Politik, den Sozialsystemen oder Gesellschaftskonventionen findet man selten und wenn, dann nur indirekt. Man hat auch den Eindruck, dass auf historische Genauigkeit nur Wert gelegt wird, wenn dadurch eine spannungssteigernde Wirkung erzielt wird. So findet man äußerst selten detaillierte Beschreibungen der verknöcherten Bürokratie oder Hinweise auf die damaligen Methoden der Staatspolizei oder der allgegenwärtigen Spitzel und Denunzianten. Revolutionäre existieren nur, um Fandorin zu ärgern und spielen politisch keine Rolle. So bleibt, wenn man einmal die packende Kriminalhandlung weg lässt, ein etwas schales, kaltes, gekünsteltes Bild Moskaus, das doch sehr konstruiert und zu Recht gebogen wirkt.

Die Lesung von Johannes Steck und die großartige Musikuntermalung tragen wie gewohnt viel zur Atmosphäre der Fandorin-Reihe bei, können aber gerade bei diesem Band nicht ganz über die Schwächen der Story hinwegtrösten.

Fazit: Einer der schwächeren Romane mit Erast Fandorin, der seine Wirkung mehr durch die Einfältigkeit des neuen Assistenten als durch eine schlüssige Handlung erzielt. Einzig die Lesung von Andreas Steck verhindert das Absinken ins untere Mittelmaß.


von Wolfgang Haan - 13. Januar 2006
Russisches Poker
Boris Akunin
Andreas Steck (Sprecher)
Michael Andreas Ernst (Musik)

Russisches Poker


Audiobuch 2005
6 Audio-CDs
EAN 978-3899641271
Sprecher: Andreas Steck, Musik: Michael Andreas Ernst