Romano Guardini Auf den Spuren Romano Guardinis
Mit dem Werk Romano Guardinis ist Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz bestens vertraut. In der neuen Reihe der Guardini-Studien erscheint ihre auch werkgeschichtlich orientierte Biographie als Neuausgabe. Das souverän erarbeitete, von hoher Wertschätzung für das reichhaltige Schrifttum und die Gestalt des Religionsphilosophen getragene Buch macht die interessierte Leserschaft mit dem italienisch-deutschen Denker vertraut.
Guardini hat keinen Lehrstuhl für Theologie inne, der einem klassischen Fach zugeordnet wäre, ist also weder Professor für Systematische Theologie noch für Fundamentaltheologie. Er schwebt gewissermaßen zwischen Fächern, unternimmt Exkursionen in die Philosophie und Literatur und vermag vielleicht gerade so, keiner Schule angehörig und auch keine Schule begründend, eine große Wirksamkeit zu entfalten. Die „Gottesfrage" steht im Mittelpunkt seiner Erkundungen. Für den späten Guardini gelte, so Gerl-Falkovitz, dass die „beseligende Möglichkeit des Glaubens" mit der Verborgenheit Gottes einhergehe: „Das Gebet dringt in das Geheimnis ein, hellt zwar nicht seine Unbegreiflichkeit auf, erkennt aber darin einen eigenen Sinn. Die Haltung der Anbetung ist die eigentlich gemäße Weise, sich dem verborgenen Antlitz Gottes auszusetzen."
Die Biographin stellt die Familie Guardinis vor, benennt die wesentlichen Prägungen, die für den Lebensweg des so oft melancholisch anmutenden Philosophen bedeutsam sind. Die Mutter verstirbt hochbetagt, mit fast 95 Jahren. Ihr Sohn Romano ist bereits 72 Jahre alt. Sie sei vom „italienischen Geist" in der Familie bestimmt gewesen, eine treue Kirchgängerin, die aber nach der Übersiedlung von Italien nach Mainz ein zurückgezogenes Leben führte. Romano Guardini erweist sich als „politisch hellsichtig", spricht von der „geschenkten Vielfalt Europas", die ihm auch eine geistige Heimat ist; einem unbestimmten „Kosmopolitismus" erteilte er eine Absage, ebenso einer Vielfalt, die ein „richtungsloser Plural" sei, letztlich mit zerstörerischen Konsequenzen für die Wurzeln der Kultur. Guardini studierte letztlich Theologie, wurde zum Priester geweiht und blieb dieser Berufung sowie dem Glauben treu, vor allem auch, weil er es seinem Bischof versprochen habe: „Guardini strahlte als Priester eher den Eindruck einer ruhigen Sicherheit, eines festen Standes im Glauben, Denken und Leben aus. Wie sehr aber diese Festigkeit eine gewonnene, mit Leiden bezahlte war, und nicht von vornherein die Mitgift einer starken und über sich klaren Natur, ist bewegend." Guardini vertraute der Offenbarung, nicht einem historischen, psychologischen oder wie immer auch modernisiertem Christentum. Aufgabe des theologischen Lehrers ist das Gespräch mit den Fragen, Problemen und Nöten der Zeit; damit ist auch der Priester nicht der Repräsentant eines Museums für abendländische Kulturgeschichte, sondern ein Gottesmann der Gegenwart, der den Mut hat, wenn es nötig ist, unzeitgemäß zu sein, indem er den Glauben vertritt auch in einer Zeit, die scheinbar nichts davon wissen will. Wer sich von der Offenbarung getroffen weiß, entscheide sich, ob er Christ werden wolle: „Ein solches Getroffenwerden ist die Krise, welche das Göttliche im endlichen Bewußtsein hervorruft, ja nicht anders als hervorrufen kann."
Romano Guardini liest resonanzvoll Augustinus und Bonaventura, dazu auch Dante und Dostojewskij. Der Scholastik, dem Denken Thomas von Aquins, weiß er sich nur wenig verbunden. Die Liturgie der Kirche erlebt er als „Führung zur inneren Freiheit", den kirchlichen Gehorsam als schöpferisch, denn dieser reicht für ihn über „bloße Pflichterfüllung" hinaus und wird durchsichtig als ein „Gehorchen in Großmut" vorgestellt. Die „neue Erfahrung von Kirche" auf der Burg Rothenfels beschreibt Gerl-Falkovitz wie folgt: „Nicht mehr Institution und Gesetzesorganisation wirken bestimmend, sondern Kirche als ein mystischer Leib Christi wiederentdeckt, getragen von einem urchristlichen Gemeinschaftsgeist." Die katholische Gemeinschaft, die im „Quickborn" sich verbunden wusste, blühte auf in den 1920er Jahren, und Guardini leitete an zur „objektiven Orientierung an der Kirche". Die Liturgiefähigkeit hat er in späteren Jahren immer wieder bedacht und fürchtete die „religiöse Verkümmerung".
Diese Formen sind gewiss auch heute sichtbar, mehr noch als zu seiner Zeit vorstellbar war. Die Politisierung des kirchlichen Lebens und der Liturgie sah er dezidiert kritisch. Wer Erlösung politisch versteht, wird die unverdiente Gnade nicht mehr begreifen und vor dem „freudig-ernsten Spiel der Liturgie" ratlos bleiben. Romano Guardini wünschte sich so sehr ein Vordringen des Gläubigen zum „Herzen der Kirche" – in heutiger Sprache gedacht: Die eigentliche Reform gelingt nicht durch die Einrichtung endloser Synoden, die Etablierung neuer Machtstrukturen oder die Vermehrung von Ämtern und Diensten, sondern lebt einzig und allein von einer Erneuerung in Christus. Wer Guardinis Impulse ernsthaft bedenkt, entdeckt eine Form der mystischen Spiritualität und mag erwägen, wie das Leben mit dem Geheimnis des Glaubens im Alltag gelingen kann.
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz würdigt Romano Guardinis Lebensgang aufmerksam und kenntnisreich, darum ist es gut, dass diese Biographie neu herausgegeben wurde. Sie bildet eine verlässliche, in jeder Weise lesenswerte Grundlage auch für eine vertiefte selbstständige Lektüre der Schriften von Guardini. Die Gestalt des Theologen und Philosophen wird sichtbar. Was ließe sich Besseres über eine Lebensbeschreibung sagen? Die Autorin stellt den bedeutenden Denker auch mit der gebotenen, heutzutage bei Biographien leider nur selten noch anzutreffenden Behutsamkeit vor. Dieses reichhaltige Buch über Romano Guardini ist unbedingt empfehlenswert.
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