Angelika Klüssendorf: Risse

Bewältigende Sprachgewalt

In "Risse" erzählt Angelika Klüssendorf die Vorgeschichte ihres Erfolgsromans "Das Mädchen" und offenbart, "was nicht erzählt wurde und warum". Das Buch ist eine schonungslose Erkundung der Erinnerung und eine intensive Suche nach dem inneren Abgrund ihrer Figuren.

Die Handlung von "Risse" dreht sich um mehrere Figuren, deren Leben durch tiefgehende persönliche und gesellschaftliche Brüche gezeichnet sind. Da ist zum Beispiel Anna, eine Frau mittleren Alters, die nach Jahren der Unterdrückung und des Schweigens endlich den Mut aufbringt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Durch ihre Geschichte wird deutlich, wie die Erfahrungen in der DDR bis in die Gegenwart hinein nachwirken und die psychischen Wunden immer wieder aufreißen.

Ein weiterer zentraler Charakter ist Paul, ein ehemaliger Dissident, der nach der Wende versucht, ein neues Leben zu beginnen. Doch die Schatten der Vergangenheit lassen ihn nicht los. Pauls Kampf um Identität und Selbstverständnis spiegelt Klüssendorfs eigene Auseinandersetzung mit ihrer DDR-Vergangenheit wider. Diese Charaktere sind keine Helden, sondern gebrochene Menschen, die versuchen, in einer fragmentierten Welt ihren Weg zu finden. Klüssendorfs Figuren sind authentisch und tiefgründig, ihre Konflikte und Emotionen stets nachvollziehbar und berührend.

Klüssendorf öffnet beherzt das Eingekapselte ihrer Erinnerungen:  Sie schildert die Mutter, eine Kellnerin in der Mitropa, die ihre Tochter vernachlässigte, schikanierte und zum Stehlen zwang. Jahrzehntelang benutzte Klüssendorf den Tod der Mutter als Ausrede, spürte aber im Nachgang auch deren Verzweiflung und Einsamkeit.

Der Vater, der "schöne Egon", ein alkoholkranker Aushilfskellner, Hochstapler und Vergewaltiger, terrorisiert die Familie, bevor er verschwindet. Das Mädchen lässt sich fotografieren, um ihre Existenz zu beweisen, doch ihre wahre Kleidung ist die "Scham über die Armut". Sie bleibt dürr, wird oft für einen Jungen gehalten und findet paradoxerweise darin Schutz.

Das Ausreißen, tief in ihren Knochen verankert, hilft ihr, den Ort des Schreckens zu verlassen. Das Schreiben wird ihr zum einzigen verlässlichen Raum, denn in all der Ausweglosigkeit existiert stets eine Sehnsucht, die sie die brutalen Schläge der Mutter und die inszenierten Suizidversuche des Vaters ertragen lässt.

Die Sprache des Romans ist knapp und präzise, oft lakonisch, und dennoch durchdrungen von einer poetischen Kraft. Klüssendorf gelingt es, mit wenigen Worten starke Bilder zu erzeugen und tiefe Emotionen zu vermitteln. Diese sprachliche Klarheit ist nicht nur ein stilistisches Mittel, sondern auch ein Ausdruck der inneren Haltung der Autorin, die Härte und Entschlossenheit mit einem unbestechlichen Blick auf die Realität verbindet.

In "Risse" beleuchtet Angelika Klüssendorf die Brüche und Fissuren im Leben ihrer Protagonisten, indem sie diese als Metapher für die inneren und äußeren Konflikte nutzt, die das Leben in einer von Enge, Sehnsüchten und Begrenzung charakterisierten Gesellschaft wie im Alltag der DDR mit sich brachte. Klüssendorf, die in der DDR aufwuchs und die Unbill dieses Systems selbst erlebte, verarbeitet diese Erfahrungen mit einer glasklaren, unnachgiebigen Sprache, die sowohl die Brutalität als auch die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung widerspiegelt. 

Inhaltlich knüpft "Risse" an Themen an, die in Klüssendorfs früheren Werken bereits zentral waren: die stete Suche nach Identität, die Bewältigung von Trauma und die Schwierigkeit, in einer oft feindlichen bzw. feindlich wahrgenommen Umwelt einen Platz zu finden. Doch während ihre früheren Romane oft eine gewisse Härte und Unerbittlichkeit ausstrahlten, schwingt in "Risse" auch eine zarte Hoffnung mit. Die Protagonisten sind auf der Suche nach Heilung, nach einem Weg, die Risse in ihrem Leben zu kitten, und Klüssendorf lässt den Leser teilhaben an dieser schwierigen, aber lohnenden Reise. Die Erlebnisse der Autorin zeigen sich allgegenwärtig und prägen die Atmosphäre des Romans entscheidend mit.

Kritisch ließe sich anmerken, dass Klüssendorf sich in "Risse" zwar stilistisch verfeinerte, indes thematisch keine neuen Felder betreten hat. Die Motive und Erzählstrukturen sind vertraut, die psychologische Tiefe und die thematische Komplexität bleiben beeindruckend, aber zumindest für Kenner von Klüssendorfs Werk nicht überraschend. Dennoch gelingt es ihr, bekannte Themen mit einer solchen Intensität und Frische zu behandeln, dass der Roman niemals Längen aufwirft oder redundant wirkt. Vielmehr beweist sie, dass die wirklich wichtigen Themen der menschlichen Existenz immer wieder neu erzählt werden müssen.

Seit der Veröffentlichung wird "Risse" unter literaturästhetischen Aspekten, konkret Gattungs-Faktoren kontrovers diskutiert. Kurz seien die zwei wichtigsten Positionen dieses literaturwissenschaftlichen Diskurses skizziert: Betrachten wir "Risse" einerseits gattungsperspektivisch, lässt sich das Werk hinsichtlich Struktur und Kapitelgliederung nicht eindeutig als "Roman" bezeichnen, wie es der Verlag bezeichnete. Die Kritik ordnet "Risse" formal als Wiederlektüre und ein Kommentarband zu Klüssendorfs Werkbestand ein. Andererseits bietet "Risse" hinsichtlich des Stils, der Offenheit und Entwicklung ganz klare Wesensmerkmale des Romans, wie ihn die Literaturwissenschaft prädiziert.  Narrativer Duktus und perspektivische Nähe erfüllen definitiv die Kriterien des Romans, was auch die hier vorliegende Rezension betonen möge. 

Literatur wird in diesem Roman als Beginn Heilung begriffen, als Hauch, der die Wunde kühlt, die die Risse verursachten. Vielleicht vernarben die Wunden. Doch ihre Risskanten bleiben. Sichtbar für diejenigen, die noch Nähe zulassen können, trotz aller Verletzungen. Das Buch schildert eine eindringliche und bewegende Erzählung über die Brüche im Leben und die herausgearbeiteten Möglichkeiten der Heilung. Klüssendorfs präziser Stil und ihre Fähigkeit, tief in die Psyche ihrer Figuren einzudringen, machen "Risse" zu einem literarischen Ereignis, das keinen Leser unberührt lässt. 

Damit knüpft "Risse" im wahrsten Sinne, geradezu intertextuell, an "Wundgeschichte" an: Der fränkische Ritter und Dichter Wolfram von Eschenbach (ca. 1170 – 1220) schrieb einst, aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt: "Heilung bedeutet, dass der Mensch erfährt, was ihn trägt, wenn alles andere aufhört, ihn zu tragen."  Diese Erkenntnis, zeitlos und kraftvoll, unterstreicht Angelika Klüssendorf Œuvre; sie ignoriert nicht die Risse, doch bewahrt deren Kraft zur Überwindung. Zusammengefasst liefert "Risse" einen weiteren Beweis für Angelika Klüssendorfs herausragende Stellung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. 

Ein mutiges Werk, anspruchsvoll und tiefgründig!

Angelika Klüssendorf ist 1958 in Ahrensburg geboren, lebte von 1961 bis 1985, dem Jahr ihrer Übersiedlung aus der DDR in die Bundesrepublik, in Leipzig. 

Die mehrfach prämierte Schriftstellerin veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane. 1989, im Jahr des Berliner Mauerfalls, nahm Klüssendorf am renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil und etablierte sich seither als feste Größe in der deutschsprachigen Literatur. Mehrfach stand sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde unter anderem mit dem Preis der SWR-Bestenliste ausgezeichnet.

Ihr erstes Buch, "Sehnsüchte. Eine Erzählung" (1990), wurde vom Feuilleton gefeiert. Es folgten "Anfall von Glück" (1994) sowie die Erzählungsbände "Aus allen Himmeln" (2004) und "Amateure" (2009). Klüssendorfs gleichermaßen leichtes wie gravitätisches und damit großes Erzähltalent und ihre Fähigkeit, subtil - souverän zu konstruieren, wurden in den Rezensionen zu "Aus allen Himmeln" besonders gelobt. Besonders die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Romantrilogie Das Mädchen, April und Jahre später wurde in Einzeltiteln sämtlich für den Deutschen Buchpreis nominiert. Die Trilogie stand zudem zweimal auf der Shortlist. 2019 wurde Angelika Klüssendorf mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet. 

Auch international findet Klüssendorfs Werk immer größere Anerkennung: Die französische Übersetzung ihres Romans 'Vierunddreißigster September' stand 2022 auf der Longlist des Prix Femina. Jüngst, mit ihrem aktuellen Roman "Risse" stand Klüssendorf auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 

Angelika Klüssendorf ist Mutter zweier Kinder. Ein Sohn stammt aus der Ehe mit ihrem 2014 verstorbenen Ehemann Frank Schirrmacher, seinerzeit Journalist und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 

Seit 2017 ist Klüssendorf mit ihrem Mann, Schriftsteller Torsten Schulz verheiratet. Das Paar lebt in Mecklenburg, auf dem Lande.
Risse
Risse
176 Seiten, gebunden
Piper 2023
EAN 978-3492059916

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