Spätes Glück für Tom Ripley
Patricia Highsmith ließ ihrem 1955 veröffentlichten Roman Der talentierte Mr. Ripley vier Fortsetzungen folgen, die letzte 1991. In drei davon wird weiter gemordet. Doch das Motiv ändert sich. Es ist nicht mehr Habgier, die den nur am Anfang skrupellosen Tom Ripley antreibt. Es ist die reine Notwendigkeit: Ständig ist ihm jemand auf den Fersen, will ihn der Polizei ausliefern oder sich an ihm rächen; Leichen tauchen plötzlich aus Kellern auf oder auch aus dem Kanal, in dem Ripley sie zuvor versenkt hat; und es gibt sogar Epigonen, die seine Verbrechen kopieren.
Dies alles erzählt Highsmith nicht ohne Sympathie für den Bösewicht. Ripley macht eine Entwicklung durch, zum Guten, auch wenn es nicht zur moralischen Integrität reicht, denn er sühnt keine einzige seiner Taten. Doch ist er zu manch abstruser Wendung fähig: Im dritten Roman der Serie, Ripley’s Game, mordet der Titelheld sogar aus Nächstenliebe. Besser gesagt: aus Nächstenliebe, wie Tom Ripley sie interpretiert. Bei aller Skepsis dem Mörder gegenüber muss man ihm zugestehen, dass er anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will. So versetzt er mittels zweier Morde, gerechterweise an ausgesprochenen Schurken, einen Todkranken in die Lage, wenn schon nicht mehr für sich selbst, so doch posthum für seine hinterbliebene Familie sorgen zu können.
Die Entwicklung von Highsmiths Hauptfigur geht über dreieinhalb Jahrzehnte. In dieser Zeit machte auch die Autorin gravierende Veränderungen durch. Highsmith hatte immer in offenen lesbischen Beziehungen gelebt und beruflich wie privat den aufrechten Gang gewählt. Dieser schien ihr in den prüden Staaten weniger möglich als in Europa. Wie ihre Hauptfigur Tom Ripley zog es sie nach Italien und Frankreich, später dann (aus schnöden Steuerersparnisgründen) in die Schweiz. 1991 wurde sie für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, den dann aber Nadine Gordimer erhielt. Was blieb, war der berufliche Erfolg. Jeder Highsmith-Roman wurde ein Bestseller.
Nicht zu Highsmiths Feminismus passen will der Umstand, dass in ihren Romanen die Männer grundsätzlich besser wegkommen als die Frauen. Häufig machte Highsmith aus ihren weiblichen Figuren Hassobjekte, die opportunistisch bis zur Selbstverleugnung agieren. An solchen Protagonistinnen reiben sich Highsmiths Männer auf: gebrochene, aber durchaus sympathische Antihelden, die still gegen das Klischee rebellieren, aber nicht aus ihrem biologischen Panzer herauskönnen. Transgender war damals noch kein Thema. Doch gerade Ripley ist ein Meister im Spiel der Identitäten, mit Maskerade und falschen Pässen. Im vierten Roman verkleidet er sich auch einmal sehr feminin, um seine Gegner zu täuschen.
Fast alle Highsmith-Romane haben männliche Protagonisten, die fast allesamt scheitern. Erst morden sie, dann werden sie selbst zu Opfern – eines fiesen Konkurrenten, einer verständnislosen Gesellschaft oder eines skrupellosen, rachsüchtigen Polizisten. Nur selten überleben Highsmiths Helden das Ende der Handlung. Und nur einer kommt davon: Tom Ripley.
Die längste Zeit lebt die Figur Ripley auf einem Landsitz bei Paris, in einer nur formal existierenden Partnerschaft. Seine Ehe mit Héloïse, unvermittelt ohne jede Vorgeschichte zu Beginn des zweiten, erst 1970 erschienen Romans der Reihe, Ripley under Ground, eingeführt, ist freudlos. Immerhin ist Héloïse tolerant und verzeiht Ripley seine Morde, die er ihr in einer schwachen Stunde beichtet. Madame Ripley geht ohne Kommentar oder Gefühlsregung einfach zur Tagesordnung über.
Damit sind Ripleys Probleme freilich nicht gelöst. Seine Lieben bleiben unerfüllt, die Romanzen schlummern unter der Oberfläche – und enden jäh. Seine erste große Liebe Dickie Greenleaf wird der Existenzsicherung geopfert. Im zweiten Roman muss Ripley den neurotischen Maler und Fälscher Bernard Tufts, der ihn liebt und kein Land mehr sieht und sich am Ende nur noch rächen will, in den Selbstmord treiben – aus Notwehr.
Der todkranke Freund in Ripley’s Game, den er schützen will, wird von der Mafia erschossen. Der Junge, der Ripley folgte, hat als 16-jähriger seinen Vater im Affekt umgebracht hat. In Tom weckt er väterliche, vielleicht auch noch andere Gefühle (Highsmith hält sich hier einmal recht bedeckt), doch der Halbwüchsige bringt sich am Ende um. Ripleys Ehe mit Héloïse bleibt bestehen – und selbstverständlich kinderlos.
Erst im fünften und letzten Band, Ripley under Water, erschienen 1991, erlebt Tom Ripley sein Happy End. Eine Andeutung findet sich bereits in Ripley under Ground. Während Bernard Tufts Ripley ebenso verhalten wie vergeblich anschmachtet, fühlt dieser sich zu Ed Banbury hingezogen, einem der Anführer der Fälscherbande, für die Tufts arbeitet. Nicht nur Ripley, auch der Leserschaft bleibt die sich entwickelnde Zuneigung lange verborgen. Ed verharrt in einer Nebenrolle, um später, im letzten Roman, beinahe zeitglich mit zwei von Ripley in einem Kanal entsorgten Leichen wieder an der Oberfläche zu erscheinen. Ripley wird, anders als in den Bänden zuvor, kein Mord mehr abverlangt. Zwar gibt es zwei Todesopfer, doch sterben beide durch eigenes Verschulden. Einziger illegaler Akt in diesem abschließenden Werk ist die Verdeckung einer vergangenen Straftat. Endlich wird es Ripley ermöglicht, seine kriminelle Vergangenheit zu den Akten zu legen.
Ripley hat – trotz des unheilverheißenden Titels: unter Wasser zu sein ist für Ripley noch schlimmer als unter der Erde – eine Zukunft, sogar eine zu zweit, mit Ed Banbury. In ihr wird das Verbrechen keine Rolle mehr spielen, sondern nur die Liebe. Ripley, heißt es im vorletzten Satz des Romans, „warf Ed ein kurzes Lächeln zu, und sie gingen zum Wagen zurück.“ Der Weg zum gemeinsamen Glück ist frei.
Bliebe vielleicht noch die Frage: Wie viel Tom Ripley ist in Patricia Highsmith? Am Ende von fünf Ripley-Romanen ist die Hauptfigur immer noch und absehbar in Freiheit. Das ist höchst amoralisch, legt man religiöse Werte, juristische Maßstäbe und gesellschaftliche Konformität als Maßstab zugrunde. Mit all dem hatte Highsmith nichts am Hut.
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