Ein neuer Zugang zu Rainer Maria Rilke
„Mon doux seigneur Sommeil, ne faites pas que je rêve.“ Die vorliegende biografische Erzählung des studierten Literaturgeschichtlers Manfred Koch verknüpft sich immer wieder mit exemplarischen Interpretationen einzelner Gedichte und Prosastücke. Rilke bezeichnet der Biograf schon in seinem Vorwort als „Fluchttier“, das bis zu den letzten Jahren seines Lebens andauernd unterwegs war.
Leben und Leben im Werk
Einer der Gründe für seine Flucht war, dass er dem bürgerlichen Familienleben entkommen wollte. Rilke war zwar früh verheiratet und hatte auch eine Tochter, mit beiden verbrachte er aber kaum Zeit. Eine Scheidung scheiterte an bürokratischen Hürden, und so blieb er zeitlebens Ehemann auf dem Papier, ohne jemals einer zu sein. Stattdessen beschwor er seine „heilige Einsamkeit“ für den kreativen Prozess. Sein erster Roman, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, bezeichnet der Biograf als „große Angst-Kunst“, Rilke als „Großmeister des Ekels“. Rilkes Malte sei einer der ersten Romane, die virtuos den Ekel ästhetisiert hätten, also existentialistische Fragen des Seins in den Mittelpunkt gerückt hätten.
Am besten habe Rilke das Stimmungsbild der Ausweglosigkeit sicherlich in seinem Gedicht „Der Panther“ getroffen, das ebenfalls in Paris entstand. Dort weilte er als Sekretär des berühmten Bildhauers Rodin, den Rilke mythisierte und zum Ersatzvater stilisierte. Zu seiner Mutter hatte er kein gutes Verhältnis; sie hatte ihn als Kind in Mädchenkleider gesteckt, da sie zuvor eine (weibliche) Fehlgeburt erlitten hatte. René („der Wiedergeborene“) kam zudem zwei Monate zu früh und war das, was man damals ein „Frühchen“ nannte. Dies könnte auch seine schwächliche Statur und seine „mangelnde Virilität“ erklären. Dennoch – trotz seiner körperlichen Unattraktivität (O-Ton Koch) – hatte er nie unter einem Mangel an Frauenbekanntschaften zu leiden. Zumeist begann es mit einer Brieffreundschaft, die alsbald zu einem Treffen in persona führte. Die Dynamisierung seines Liebeslebens erfolgte oft durch die Entfernung – zu einer Frau in einer „Brief-Liebe“.
Das ozeanische Gefühl
Dass Rilke es schaffte, aus seinem „Leid“ Lied zu machen, ist wohl vor allem seiner Überzeugung zu verdanken, dass es die Passion sei, die den Dichter schmiede; das Furchtbarste sei die Voraussetzung des Fruchtbaren – so der Dichter selbst. Sein Motto „Patior ut potiar“ (ich leide, um zu herrschen) wird von dem Biografen Manfred Koch glaubwürdig, authentisch und mit vielen Beispielen aus seinem Werk erzählt und untermauert. Seine „russische Phase“ wird ebenso beleuchtet wie sein Ursprung aus Prag, in einer Art byzantinischer Perspektive, in der das Ferne größer dargestellt wird als das Naheliegende.
Rilke verstand es immer wieder, sich zu entziehen und seine Kunst in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen. Als sich ihm die Möglichkeit bot, bei Freud persönlich eine Psychoanalyse zu beginnen, verzichtete er – in dem Glauben, dass eine „Heilung“ ihm seine Kreativität rauben würde. „Alles kommt darauf an, das in der Liebe erweckte große Gefühl nicht zu leben, sondern sprachlich produktiv zu machen“ – die wahren Glücksmomente seien dann, wenn einem ein Text gelinge; denn dann habe sich der Verzicht auf das gewöhnliche Lebensglück gerechtfertigt. Dass Rilke aufgrund seiner Sexualangst auch ein Onanist war, erwähnt Koch ebenso wie seine sozialen Defizite. Die Erwartung einer (weiteren) „künftigen Geliebten“ bestimmte quasi von Anfang an sein Leben und sein Werk, aber „genau das, was seine Not war, wird immer mehr seine Herrlichkeit“. Was Rilke über Venedig schrieb, gilt wohl auch für ihn selbst.
Der Dichter in Mädchenkleidern
Seine Kriegsbegeisterung oder die kurzfristige Faschismus-Lobpreisung war nach einem Monat vorbei, auch wenn Rilke als sich adelig dünkender Künstler stets konservativ blieb – mit Ausnahme einer kurzen Episode während der Münchner Räterepublik. Die Heimatlosigkeit des Österreichers nach dem Ersten Weltkrieg verkörperte er jedenfalls wie kein anderer. Nicht nur, dass er in den unterschiedlichsten Ländern lebte und reiste – nein, er war auch geistig ein Heimatloser, Entwurzelter, (de facto) Staatenloser. Dass er am Ende seines Lebens ausgerechnet in der Schweiz sesshaft wurde, ist wohl auf seine Erkrankung und die damit verbundene Schwächung zurückzuführen: Rilke starb mit nur 51 Jahren an Leukämie.
Manfred Koch hat in seiner Biografie wohl sämtliche Aspekte von Rilkes Leben und Werk näher beleuchtet und ein spannendes Narrativ eines Angst-Dichters verfasst, der sich weigerte zu genesen, um weiter kreativ sein zu können. Rechtzeitig zum 150. Geburtstag (* 4. Dezember 1875 in Prag, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1926, Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz) legt Manfred Koch mit dieser einfühlsamen, auf einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Leben und Werk basierenden Biografie eines Europäers einen neuen, zeitgemäßen Zugang zu Rainer Maria Rilke, dem geschlechtsfluiden „Dichter in Mädchenkleidern“, vor.
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