Kunst

Die Zweifel eines Feuerwehrmanns

"Ich bin der gehetzte Sklave, ich zucke beim Biss der Hunde, Hölle und Verzweiflung liegen auf mir, die Scharfschützen lassen es knallen und knallen, …" Sätze wie diese verbrennt Guy Montag beruflich, denn er ist Feuerwehrmann. Sätze wie diese wären mittwochs dran, denn Mittwoch ist Whitman-Tag.

Feuerwehrmänner haben in Ray Bradburys Dystopie "Fahrenheit 451" nicht mehr ihre ursprüngliche Funktion. Statt Brände zu löschen, legen sie welche, um in den Flammen die Schätze der Weltliteratur aufgehen zu lassen. Wer noch Bücher besitzt oder mit welchen ertappt wird, bekommt Besuch von der Feuerwehr. Denn Literatur heißt Bildung und wo Bildung ist, ist Zivilität und Moral. Totalitären Regimes sind Bücher daher ein Dorn im Auge, so dass ihre Vernichtung nicht selten der erste Angriffspunkt von Diktaturen ist. Die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz (heute August-Bebel-Platz) sind dafür nur ein Beispiel.

Wie eng Bildung mit Toleranz und Zivilität verbunden ist, erfuhr Bradbury 1950 am eigenen Leib. Als er mit einem Freund nachts durch die Straßen von Los Angeles spazierte, wurde er von einem Polizisten angehalten und ausgefragt, was er mitten in der Nacht auf der Straße treibe. Er antwortete dem Beamten, dass er lediglich einen Fuß vor den anderen setze", doch als er zuhause ankam, hing ihm dieses verstörende Ereignis immer noch im Kopf. Diese nächtliche Begegnung ist der Ursprung seines Meisterwerks "Fahrenheit 451", das heute immer noch als Parabel über den Irrsinn der Kulturvergessenheit äußerst lesenswert ist. Inzwischen gehört der Roman in eine Reihe mit den einschlägigen Werken eines George Orwell, Aldous Huxley oder Jewgeni Samjatin.

Er schildert darin, wie der Feuerwehrmann und Diener des Systems Guy Montag selbst in den Fokus der staatlichen Verfolgung gerät. Denn ihn überkommen sichtbar Zweifel, ob das, was er tut, richtig und dem Wohl der Gesellschaft dienlich ist. In diesem Zweifel begegnet er Menschen, hört ihnen zu und löst sich selbst aus der kalten Anonymität seines Daseins. Als sich dann bei einem Einsatz eine alte Frau mit Benzin übergießt und selbst verbrennt, ist für Montag die Grenze des Erträglichen überschritten. Er bricht mit dem System und wird vom Jäger zum Gejagten. Er wird selbst zu Whitmans "gehetzten Sklaven", der dem Biss der Hunde bzw. hier der mechanischen Hunde zu entkommen sucht.

Der beklemmende Roman des amerikanischen Schriftstellers und Regisseurs ist nun, mehr als 55 Jahre nach seiner Erstpublikation, reanimiert worden. Der Zeichner Tim Hamilton hat ihn gemeinsam mit Bradbury kongenial in eine Graphic Novel übertragen. Die Bilder changieren je nach Situation zwischen Art Déco und dem Film noir. Die Farbgebung, von feuerrot bis eisblau, transportiert die tatsächlichen äußeren und gesellschaftlichen Zu- und Umstände ebenso, wie die emotionale Anspannung der Protagonisten. Die scharfkantigen Zeichnungen Hamiltons verlagern die Handlung geschickt in eine für damalige Maßstäbe ungewisse, aber aus heutiger Kenntnis durchaus real anmutende technisierte Zukunft.

Der Text ist nicht, wie so oft bei Comic-Adaptionen. auf das Notwendige, sondern auf das Tragende, Erzählende reduziert. Hamilton hat dem Original eindringliche Bilder an die Seite gestellt, die das Verständnis dieser Metapher auf den übergriffigen Staat verstärken. In den Momenten aber, wo Bradburys Texte die Absurdität dieser Zukunftsvision ideal auf den Punkt bringt, versteht er es, sich grafisch zurückzuhalten, so dass man noch einmal ganz die Kunst des Romanautors genießen kann.

Fahrenheit 451
Ray Bradbury
Tim Hamilton (Illustration)
Fritz Güttinger (Übersetzung)

Fahrenheit 451


Die Graphic Novel
Eichborn 2010
Originalsprache: Englisch
156 Seiten, gebunden
EAN 978-3821861067

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