Politik

Zwischen autoritärem Staat und Demokratie

Die Türkei ist ein Land, das nach Europa blickt und der Europäischen Union beitreten möchte, den Europäern jedoch Rätsel aufgibt. "In ihrer Selbstsicht halten sich die Türken für Europäer." (S. 9) schreibt der Autor dieses neuen Heftes, der ausgewiesene Türkei-Kenner Rainer Hermann. Die Europäer hingegen nehmen die Türken nicht als Europäer wahr. Teilweise wird dabei auf den Islam verwiesen, doch beruhen viele Vorbehalte Europas gegenüber der Türkei auf Unkenntnis. "Einer der Faktoren, die über Jahrhunderte Europa geeint haben, war ja die kollektive Türkenangst. Sie setzte nach dem Fall von Konstantinopel am 29. Mai 1453 ein." (S. 9)

Insofern sind Publikationen wie die vorliegende zu begrüßen, helfen sie doch, die Konflikte, Widersprüche und Zerrissenheit dieses großen und bevölkerungsreichen Landes an der Peripherie Europas besser zu verstehen.

Auch wenn der Schwerpunkt dieses Essays auf der heutigen Türkei liegt, fließen laufend historische Hintergründe mit in die Darstellung ein. Aus dieser Perspektive macht der Autor auf einen interessanten Aspekt aufmerksam: "Mit der EU-Mitgliedschaft der Türkei böte sich erstmals die Chance, die Reiche Westroms und Ostroms wieder zu vereinen." (S. 10) Auch zeigt sich eine Parallele zu Russland: "Beide leiden an einem asiatisch-europäischen Dualismus, den sie nie werden aufheben können." (S. 16)

Der vielleicht interessanteste Aspekt aber ist, wie Hermann mit dem Kemalismus ins Gericht geht. Im Westen wird Atatürk allgemein als der Heilsbringer schlechthin gesehen, die derzeit regierende AKP dagegen in die Nähe des Islamismus gerückt. Dabei ist noch nicht einmal der säkulare Staat tatsächlich Atatürks Erfindung. Auch das Osmanische Reich war kein theokratischer Staat, im Gegenteil wurde im Laufe der Zeit die islamische Legitimation weniger wichtig und es gab weltliches Recht. Hermann überschreibt das Kapitel über "Atatürks Erbe" mit dem Wort "Selbsttäuschung" und weist darauf hin, dass die von Atatürk gegründete Republik mit Nationalismus und Intoleranz gegenüber den ethnischen und religiösen Minderheiten einherging, die Demokratie gleichzeitig rein "formal" blieb und keinen Pluralismus duldete. Entlang eines starren, eng festgelegten ideologischen Pfades wurde das Land jahrzehntelang von einer Elite regiert, die sich durch Korruption letztlich selbst völlig diskreditierte. "Der Kemalismus blieb im Denken der dreissiger Jahre stecken." (S. 24) Echte Demokratisierungstendenzen gehen hingegen heute von der Bewegung aus, welche die AK-Partei trägt. Hermann zieht das Fazit: "Die Etikettierung dieses Konflikts als Widerstreit zwischen guten Säkularisten, die Verbündete des Westens sind, und bösen Islamisten, die ins Mittelalter streben, greift nicht nur zu kurz. Sie ist einfach falsch. Die Bruchlinie verläuft zwischen jenen, die das Primat eines autoritären Staats gegenüber der Gesellschaft verteidigen, und jenen, die praktizierende Muslime sind, die aber den öffentlichen Raum gleichberechtigt mit anderen teilen wollen." (S. 34)

Rainer Hermann gelingt es mit diesem Essay dank seines tiefen Verständnisses für die Türkei und seines flüssigen Schreibstils, die Situation in der Türkei einem breiteren Publikum plastisch vor Augen zu führen. Gleichzeitig macht er auch Hoffnung: "Die Dualität der Türken - sich als Europäer zu fühlen, aber in Kleinasien zu leben, die Errungenschaften Europas zu übernehmen, aber muslimisch zu sein - ist nicht länger Fessel, sondern Chance. Dass Samuel Huntingtons Prognose vom "Zusammenstoß der Zivilisationen" nicht das Schicksal der Welt sein muss, dafür steht gerade die Türkei." (S. 74)

Türkei
Rainer Hermann

Türkei


Vontobel-Stiftung 2009
91 Seiten, geheftet
EAN 123456789

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