Rilke in neuem Licht
Heidegger und Adorno hätten Rilke missverstanden, schreibt die Rilke-Biographin und Leiterin des Literaturarchivs Marburg in ihrem Vorwort zu ihrem Bestseller. Rilke hatte allerdings immer schon Konjunktur, nicht nur an seinem 2026 zu begehenden 100-jährigen Todestag am 29. Dezember.
Rilke und die Frauen
Rilkes „Cornet“ setzte sich bis zu seinem Tod mit 320.000 Exemplaren ab. Das erfreute nicht nur Kippenberg, den damaligen Verleger des Insel-Verlags, sondern auch den Dichter, Schriftsteller, Übersetzer, Lektor, Scout, Agent und „Influencer“ Rainer Maria Rilke, wie die Biographin kokett anmerkt. Denn durch seine öffentlichen Auftritte warb Rilke für den Verlag und gewann ihm eine Gemeinde. Aber auch sein Einfluss auf die Literatur der Moderne sei nicht zu unterschätzen: „Ohne Rilke hätten sich selbst Proust und Gide hierzulande weniger leicht als große Romanciers etabliert“, so Richter. Dabei war der Dichter zeit seines Lebens alles andere als selbstbewusst. Das „bunte Kaleidoskop der Möglichkeiten“, das ihm seine Mutter anbot, schien ihm alsbald ein „Zuviel der Maskerade“, das zudem das Selbstgefühl verderbe. Er habe sich nie damit versöhnt, ein Mann zu sein, soll Lou Andreas-Salomé, eine Förderin Rilkes und von Nietzsche Angebetete, einmal über Rilke gesagt haben. Es sei so natürlich für ihn, Frauen zu verstehen, denn „das tiefste Erlebnis des Schaffenden ist weiblich“, so RMR selbst. Allerdings verstand er es zeit seines Lebens, seine Frauen auf Abstand zu halten, da er sich für die Dichtung, seine Kunst, „rein“ halten wollte – selbst von seiner Ehefrau Clara Westhoff und der Tochter Ruth. Das beste Mittel der Kommunikation für Rilke mit dem anderen Geschlecht: Briefe schreiben.
Die Sage von der Wegwarte
Geradezu „offen“ – wie im Titel als erkenntnisleitendes Interesse angeregt – verhielt sich Rilke hingegen hinsichtlich seiner nationalen Zugehörigkeit und dem Thema Heimat. Als Österreicher in Prag geboren, lebte er bei Rodin in Paris, während der Münchner Räterevolution und später in Italien und schließlich in der Schweiz. „Für ihn schlossen sich die vielen Zugehörigkeiten nicht aus“, schreibt Richter, „im Gegenteil: Seine vielen Heimaten und seine Heimatphantasien bereicherten ihn, seine Erfahrungen und seine Literatur“. Sein Verhältnis zu den Frauen war, wie bereits erwähnt, weit weniger unkompliziert. Das begann schon mit seiner Mutter, die ihn in Mädchenkleider zwängte und über die RMR schrieb: „Sie sieht mit ihrer Vorstellung von mir ein solches Loch in mich hinein, eine solche Leere, daß ihr gegenüber nichts seine Gültigkeit behält.“ Aus demselben Grund, aus dem er übrigens nähere Bindungen zu Frauen vermied, scheute Rilke auch die Psychoanalyse: „Sie wäre eine zu gründliche Hilfe für mich, sie hilft ein für alle Mal, sie räumt auf, und mich aufgeräumt zu finden eines Tages wäre vielleicht noch aussichtsloser als diese Unordnung“, weigerte er sich einmal gegen die von Freud erfundene Seelenhilfe. „Im Laufe eines Lebens staue sich unverhältnismäßig viel Schweres, Materielles, Niederschlägiges auf“, meinte Rilke einst, als er sich der Besitzlosigkeit verschreiben wollte, aber in seinem „Malte Laurids Brigge“ kommt sie auch als Bindungsverlust daher: „Man hatte nichts, nicht einmal Erinnerungen – und damit auch kein Leben.“
Ein solches offenes Leben voller Erinnerungen hatte Rilke mit Bestimmtheit, wenn auch leider viel zu kurz. Er starb in Muzot an Leukämie, mit gerade einmal 51 Jahren. „Vergessen Sie niemals, dass ich niemandem brauchen darf, dass mir all meine Kraft aus dieser Ungebundenheit entsteht.“ Wer mehr über RMR-Biographien, die dieses Jahr aus Anlass seines 100. Todestages erscheinen, wissen möchte, lese gleich hier oder hier weiter.
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