Christoph Türcke: Quote, Rasse, Gender(n)

Wider die Identitätspolitik

Der Philosoph Christoph Türcke sträubt sich beharrlich gegen zeitgenössische Moden in der Diskursrepublik Deutschland. Energisch streitet er zunächst gegen rechtspopulistische Strömungen, ebenso weist er die Ökonomievergessenheit vermeintlich linker Politiker ab. Mit Schneid macht er Ambivalenzen und Widersprüche sichtbar, auch polemisch und herb. Türcke opponiert gegen alle Zeitgeister, gegen jeden Mainstream und wider eine gegenstandslose Diskurskultur in der Postmoderne. 

Es bleibt offen, ob Türcke zu Beginn eine Einsicht oder ein Bekenntnis formuliert, vielleicht auch beides, wenn er schreibt: "Wir leben nicht im Zeitalter der Demokratie; günstigenfalls in einem der Demokratisierung." Die "biedermeierliche Utopie" der Zeit trete auf in Gestalt einer "diskriminierungsfreien Paritätsdemokratie". Zornig äußert sich Türcke über den "Unmutsdiskurs" im Internet. Freilich schreibt auch er – wenngleich auf Papier – erregt und aufgeregt, zwar sachlich fundiert, etwa über Rassismus, aber ausgesprochen leidenschaftlich und überpointiert. Dadurch werden Bücher wie diese zu Apologien, zu Streitschriften, die sicher begrenzt auf Resonanz stoßen, aber kaum für Argumente werben. Beispielhaft dafür sei die folgende Passage genannt: "Wie Coca-Cola einen besonderen Durst nach Coca-Cola erzeugt, so das neue Gleichstellungsmedium einen besonderen Durst nach sichtbarer Gleichstellung. Internetgestützte Basisdemokratie läuft auf eine Politik der Gleichstellung der gesamten Minderheitenvielfalt hinaus." Türcke empört sich mehr über das Internet, als dass er dieses analysiert. Natürlich treten Meinungen, Stimmungen und auch Stimmungsmacher, die früher verborgener blieben, nun sichtbar zutage. Doch jegliches Konsumverhalten und die reflexionslose Nutzung von Medien sind mitnichten neue Phänomene. 

Der Philosoph argumentiert gegen die Quote und bezweifelt, dass "Gleichstellungsbeauftragte" die "Gleichstellung der Geschlechter" voranbringe. Das Recht auf "Gleichheit als Menschenrecht" nennt er eine "große, nicht wieder preiszugebende Errungenschaft" und verweist darauf, dass jeder "anders als die anderen und nur deshalb ein Individuum" sei. Ausgleichende Gerechtigkeit könne aber nicht in "alternativer Rechtsbeugung" bestehen: "Der Mann, der leer ausgeht, obwohl er nicht minder qualifiziert ist als seine Mitbewerberin, hat Anlass, sich wegen seines Geschlechts benachteiligt zu fühlen. Geschickte Auswahlbeauftragte regeln das Problem so, dass sie die ausgewählte Person für die geeignetste erklären. Qualifikation ist ein dehnbarer Begriff." Hier verkennt Türcke allerdings, dass auch – etwa bei akademischen Stellungbesetzungen – ein Mann erwählt werden kann, der nicht qualifizierter ist als eine Mitbewerberin, aber vielleicht den Interessen des Instituts oder der Universität entspricht. Auch eine solche Praxis wird mit Qualität begründet, nicht selten mit Drittmitteleinwerbungen auf vorangegangenen Stellen, internationalen Kontakten und anderem. Anders gesagt bleiben hier eminent wichtige ökonomische Faktoren, die real bestehen und einflussreich sind, bei der einseitig orientierten Kritik außen vor. Tücke spricht dann weiter vom "Reigen der Diversifizierung", ohne konsequent die Bedingungen zu kritisieren, auf denen etwa die Hochschulwelt gründet. Er bleibt bei den Usancen der Politik und bezeichnet Gleichstellungsbeauftragte als strukturelle Lobbyisten einer Gruppe: "Unterstellt wird dabei stets, dass Gleichstellung nur dann funktioniert, wenn direkt Betroffene diesen Posten bekleiden, weil nur sie wissen, was es heißt, unter der jeweiligen Benachteiligung zu leiden. Fürsprache ist nur dort authentisch, wo man für seinesgleichen spricht, für eine homogene Gruppe, mit der man Betroffenheit, Erfahrungen und Einstellungen teilt." Das sei, so Türcke, der Wesenskern der Identitätspolitik: "Wer nicht zu den Betroffenen gehört, ist nicht legitimiert, sie zu vertreten."

Wie in anderen Büchern – so in Natur und Gender – äußert sich Christoph Türcke dezidiert gegen die geschlechtersensible Sprache. Die "paritätische Sprech- und Schreibweise" hält er für eine neue Variante der Diskriminierung. Das "Gendern von Sprache" sei "zur schönsten mitteleuropäischen Nebensache der Identitätspolitik" geworden. Zugleich stellt er fest, dass es nahezu unmöglich sei, in globaler Perspektive zu gendern: "Im finnisch-ugrischen Sprachkreis, in den Turksprachen, im Chinesischen und Japanischen, im Armenischen und Persischen etwa fehlt den Substantiven jegliches grammatische Geschlecht. … Die rechtlich-soziale Stellung der Frauen in der Türkei, in Ungarn, im Iran oder in China lässt nicht erkennen, dass die grammatische Gleichstellung den Weg zur sozialen bahnt."

Der Philosoph Türcke streitet energisch und konsequent, mit rhetorischer Schärfe, gegen Phänomene der Zeit. Beharrlich richtet er sich darauf aus, die politische Struktur der Gesellschaft in Deutschland und anderswo zu analysieren und die ökonomischen Bedingungen, auf denen diese beruht, zu kritisieren. Die aufklärerisch gemeinten Transformationen der Sprache sowie etliche Formen der linksliberalen Identitätspolitik beurteilt er als Affirmation des Bestehenden. Er fürchtet, dass diese Form der Identitätspolitik der "rechtsextremen" Identitätspolitik letztlich "den Weg" ebnet. Darüber könnte und sollte kontrovers diskutiert werden. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass in einer kommenden ökonomischen Krise sich gesellschaftliche wie politische Verhältnisse gravierend verschieben könnten. Das läge dann aber an der Wirtschaftskrise beziehungsweise an den ökonomischen Bedingungen, nicht an dem gegenwärtigen Zeitgeist und allen seinen Spielarten, die Christoph Türcke eloquent und polemisch seziert wie kritisiert.

Quote, Rasse, Gender(n)
Quote, Rasse, Gender(n)
Demokratisierung auf Abwegen
118 Seiten, gebunden
zu Klampen 2021
EAN 978-3866748101

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