Samuel Hamen: Quallen

Die faszinierende Welt der Quallen

Meditative Momente erleben Reisende an der See, wenn sie die farbigen Kreaturen erblicken, oft nur für Augenblicke, staunend zusehen, wie diese scheinbar schwerelos schwebend durch das Meer gleiten. Quallen gehören zu den rätselhaftesten Lebensformen, die die kindliche Fantasie anregen und durch ihre Schwimmbewegungen wie ihr Farbenspiel betörend wirken. Doch wer ihnen nahe oder zu nahekommt, erlebt auf gewisse Weise die andere Seite der optischen Eleganz. Auch hiervon berichtet Samuel Hamen eindrücklich, nämlich wie eine Qualle vorübergleitet, lautlos, aber nicht ohne Spuren zu hinterlassen: "Noch heute sagt meine Mutter: Nie wieder habe ich jemanden so schreien gehört." Der brennende Schmerz blieb für ein paar Tage, die kindliche Naivität war zerstoben und die Qualle hatte ihre Spuren in das Leben des Autos eingezeichnet: "Quallen zucken nicht mit Wimpern, sondern mit Tentakeln. Zugleich sehe ich das letzte Bild vor dem Schmerz noch immer in aller Schönheit vor mir: wie der Wellenkamm bricht und dieser diaphane lilafarbene Körper erscheint. Risiko und Glamour, Gefahr und Hypnose: Es geht nicht ohne, wenn man sich diesem Tier nähert."

Das Meer hat die Fantasie zahlreicher Schriftsteller angeregt und belebt, so etwa von Adelbert von Chamisso und Ludwig Tieck, die sich der "Zone des Imaginären" in den Ozeanen schreibend widmeten und die "Flora und Fauna der Tiefsee" zu einer "Weltwunderkammer" stilisierten, freilich ohne jede biologischen und geografischen Kenntnisse: "Das Meer, besonders die sagenumwobene Tiefsee, ist der Raum, auf den sich Wünsche und Ängste der Menschen wie nie zuvor richten."

Samuel Hamen ist bestrebt, auch einer gewissen Nüchternheit Raum zu geben, um nicht ständig der Faszination zu erliegen, die das gallertartige Wesen mit den Tentakeln doch ausüben kann.

Die Qualle, in ihrer bunten Formenpracht auch in Lexika gewürdigt, erhält auch den Namen Medusa oder Meduse: "Und das ist weit mehr als eine Umtaufe unter Experten, ist der assoziative Rahmen damit doch gesteckt. Die Meduse ist die vielgliedrige Gefahr, die nach der Manneskraft trachtet. Wer ihr ohne Vorsicht begegnet, wird vergiftet, verwundet, terrorisiert." In manchen Regionen werden die Quallen bloß als "Störenfriede" wahrgenommen, doch in der Meeresbiologie und Populärkultur besteht teilweise eine geradezu "zärtliche Aufmerksamkeit" für die Kreatur, die sich auf dem "Schwebeweg" durchs Meer bewegt. Samuel Hamen ist bestrebt, auch einer gewissen Nüchternheit Raum zu geben, um nicht ständig der Faszination zu erliegen, die das gallertartige Wesen mit den Tentakeln doch ausüben kann: "Vielleicht gelingt es ja, der Qualle nicht jedes Mal mit einem Ooh! oder Iih! zu begegnen, sondern ruhig zu bleiben angesichts ihrer."

Der "Quallenleib" erscheint "simpel, geradezu archaisch": "Je nach Art besteht er zu 94 bis 99 Prozent aus Wasser, der Rest sind organische Komponenten wie Muskeln, Kollagen und Nerven sowie anorganische Salze." Quallen besitzen "erstaunliche Merkmale", etwa Rhopalien: "Das sind Nervenknoten, die bei vielen Arten am Rand eingelagert sind und durch einen lappenartigen Überwurf des Außenschirms geschützt werden. Als Sinneskolben sind sie für die Orientierung und den Gleichgewichtssinn zuständig. Bei Würfelquallen ist der Sehkolben weiterentwickelt: Am Stielende der vier Rhopalien, die deutlich als weiße Keulen zu erkennen sind, sitzen jeweils zwei Augen, die über Linsen, Hornhäute, Pupillen und Netzhäute verfügen, sowie vier lichtempfindliche Augenflecken. Über diesen Sinnesapparat kann das Tier Formen wahrnehmen und hell und dunkel voneinander unterscheiden." Eine Qualle könne durch Menschen gewissermaßen hindurchsehen, aber auch wir könnten "an ihrem Körper keinen Halt" finden – und verblieben in "stummer Ratlosigkeit", außerstande, "das Tier dingfest zu machen".

Sie ist Jägerin und Kannibalin, invasiv und giftig, tödlich und in vielerlei Hinsicht noch unbekannt.

Quallen seien eine "Ausnahmeerscheinung", vielleicht sogar eine "Anmaßung" ohne zentrales Nervensystem, mitunter hochgiftig. Darüber hinaus sei die Qualle zum "queeren Wappentier" idealisiert und auch stilisiert worden, indessen: "Nur ein Bruchteil der bekannten Quallenarten ist hermaphroditisch, der große Rest hingegen klar getrenntgeschlechtlich, besitzt also jeweils männliche oder weibliche Keimdrüsen. Aber symbolischer Chic schlägt mitunter nun einmal biologische Präzision." Mitunter werde die Qualle auch als "Vorbild" für eine "posthumanistische Weltanschauung" instrumentalisiert, das rätselhafte Wesen also wird oft als "Nutztier" symbolisch zugerichtet. Samuel Hamen bleibt nüchtern: "Die Qualle ist sicherlich nicht das andere, gute Lebewesen, an dem sich der Mensch im Rahmen seines ökologischen Updates auszurichten hat. Sie ist Jägerin und Kannibalin, invasiv und giftig, tödlich und in vielerlei Hinsicht noch unbekannt. Es gibt gute Gründe, ihr nicht zu nah zu kommen – weder körperlich noch rhetorisch. Die Wertschätzung kann schließlich auch darin liegen, die Distanz zu wahren, anzuerkennen, dass unbedingte Nähe nicht nur affirmativ, sondern auch aufdringlich sein kann."

Samuel Hamens lesenswerter Band über Quallen, biologisch wie kulturgeschichtlich sehr reizvoll, wahrt die respektvolle Distanz, nicht nur zu den faszinierenden Lebewesen, die bewundert werden dürfen, aber darum noch als tierische Idealgestalten vereinnahmt werden müssen, und schreibt mit spürbarer Teilhabe. Wir werden mit den Quallen vertrauter. Über die Kompassqualle schreibt Hamen: "Wer als Aquariumsbesucher sieht, wie dieses feuerrote Wesen durch eine meeresblaue Umgebung pulsiert, so schmächtig und taktvoll, der kann kaum anders, als sich ganz grundsätzliche Fragen über Gott und die Welt und die Quallen zu stellen." Die eine oder der andere mag bei diesem Anblick darüber nachsinnen, ob die "Phrase vom Menschen als Krönung der Schöpfung" nicht doch "eine Farce" sein könnte.

Quallen
Falk Nordmann (Illustration)
Quallen
Ein Portrait
144 Seiten, gebunden
EAN 978-3751802147

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