Architektur

Oh Boy - Die Geschichte eines genossenschaftlichen und architektonischen Manifestes

"...dass der Bau in seiner Funktion als Wohnstätte für Alleinstehende ein gebautes Manifest für ein neues gesellschaftliches Phänomen war - in einem Stadtteil, der zunehmend nicht mehr nur Arbeiterquartier, sondern auch Heimstätte von Individualisten wurde" ("Das Wohnheim Sihlfeld - ein stilles Manifest, Muriel Pérez).

In der vorliegenden Publikation zum 100jährigen Jubiläum der Genossenschaft "Freie Jugend Uster" (heute "bonlieuGenossenschaft") wird die Geschichte einer linken Genossenschaft zwischen revolutionärer Utopie und reformistischem Pragmatismus durchleuchtet.

Für das bei Scheidegger & Spiess publizierte Werk wird die durch Mythen und Erzählungen geprägte Geschichte einer herausstechenden Zürcher Genossenschaft nach den Regeln der Geschichtswissenschaft durch aussenstehende Historiker - Lucca Stoppa und Muriel Pérez - aufgearbeitet. Neben dem Werdegang der "Freien Jugend Uster" zur heutigen bonlieuGenossenschaft widmet sich die Jubiläumspublikation einer fachgerechten architektonischen Darstellung des einst avantgardistischen Baus an der Ecke Sihlfeldstrasse und Kochstrasse. Die Resultate der geschichtlichen Aufarbeitung werden ergänzt durch historische und zeitgenössische Fotografien, Illustrationen und durch Erinnerungen und Erzählungen von ehemaligen Protagonisten.

Das Buch zeigt auf eindrückliche Weise, dass sowohl anfangs des 20. Jahrhunderts, wie auch zu Beginn dieses Jahrhunderts einer der prägendsten Brennpunkte der Stadt Zürich das Thema des günstigen Wohnungsbaus war und ist. In den Jahren zwischen 1922 und 1931 basierte die Hälfte von Zürichs Bautätigkeit auf gemeinnütziger Initiative. Vergleichbar mit der Renaissance des genossenschaftlichen Wohnungsbaus und dem politischen Entscheid 10'000 neue Wohnungen in zehn Jahren zu errichten. Als sich die noch junge Genossenschaft aus Uster als "Proletarische Jugend Zürich" im Arbeiterquartier Aussersihl entwickelte, boten der konventionelle Wohnungsmarkt und die etablierten Genossenschaften kaum Lösungen für die wachsende Zahl alleinstehender junger Menschen. Die Genossenschaft leistete zusammen mit dem fast gänzlich unbekannten Architekten Franz Stephan Hüttenmoser mit dem Bau des "Café Boy" Pionierarbeit. Nicht nur die neue Wohntypologie von Kleinstwohnungen in Kombination mit gemeinschaftlichen Räumen und einer Gemeinschaftsküche, sondern auch der ornamentlose, von klaren Linien geprägte Bote des modernen Lebensstils mussten von den Zeitgenossen wie ein starkes Manifests des Fortschrittes empfunden worden sein. Ähnlichen Pioniergeist der Genossenschaften konnte in den typologischen Antworten der letzten Jahren auf die sich ändernden Lebensstile und Wohnformen beobachtet werden.

Aufgrund der teilweise mangelnden Überlieferung und unvollständigen Archivmaterials, insbesondere des Architekten und zur Wahrnehmung des Werkes zu seiner Entstehungszeit, ist die Aufarbeitung etwas lückenhaft und beschreibend. Nichtsdestotrotz eine äusserst gelungene Publikation, welche die Entwicklung einer einzelnen Genossenschaft und die Entstehungsgeschichte einer eher unbekannten architektonischen Perle des Neuen Bauens in der Stadt Zürich in einem grösseren kulturellen und historischen Kontext und Zeitgeist erscheinen und reflektiert lässt.

Proletarische Jugend Zürich
bonlieuGenossenschaft (Hrsg.)

Proletarische Jugend Zürich


Die Geschichte einer linken Genossenschaft zwischen revolutionärer Utopie und reformistischem Pragmatismus
Scheidegger & Spiess 2018
176 Seiten, gebunden
EAN 978-3858815934

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