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Mathias Brodkorb: Postkoloniale Mythen Die Entzauberung des Postkolonialismus

07. März 2026
von Thorsten Paprotny

Mathias Brodkorb, Philosoph, Philologe und ehemaliger Minister in Mecklenburg-Vorpommern, zählt zu den produktiven wie unkonventionellen Investigativjournalisten in Deutschland. Nach seiner Analyse des Verfassungsschutzes in Gesinnungspolizei im Rechtsstaat? untersucht er ein beliebtes akademisches Arbeitsfeld, die „Postcolonial Studies“, mit einer besonderen Spezialisierung – die deutsche Kolonialgeschichte mit ihren Exponaten, wie sie in den ehemaligen Völkerkundemuseen ausgestellt wurden, und ihr Erbe. Brodkorb erklärt die einförmige Vorstellung der grundsätzlich rassistischen, räuberischen Weißen zu einem Mythos der Postmoderne und wirbt für eine differenzierte Kolonialgeschichtsschreibung. Andreas Schlothauer, der Vorsitzende der Freunde Afrikanischer Kultur e. V., bezeichnet im Vorwort Spielarten des Postkolonialismus, die nicht ergebnisoffen forschten, als ideologisch.

Der Autor beschönigt mitnichten Verbrechen der Kolonialmächte, aber streitet wider eine Verklärung der indigenen Völker und ihrer Herrscher, die angeblich rigoros unterdrückt und entrechtet wurden. Vor allem argumentiert er gegen moralische Überhöhungen der Vorgänge von damals und zeichnet etwa ein „buntes Bild der Sklaverei“. Das Bild der Sklaverei aus den USA lasse sich nicht auf afrikanische Verhältnisse übertragen: „Sklaverei war keine uniforme Täter-Opfer-Beziehung, sondern trat in verschiedenen Formen auf. Sie konnte der Gewinnung von Menschenopfern dienen und bis in verwandtschaftliche Sozialbeziehungen reichen." Weibliche Sklaven wurden nicht selten zu „Konkubinen“, im alten Europa versklavten auch Weiße andere Weiße. Auch Germanen und Wikinger kannten die Sklaverei, die verklärte attische Welt ohnehin. Ebenso gab es eine „Geschichte der innerafrikanischen Sklaverei“. Damit wird Sklaverei nicht zu einer historischen Normalität, sie bleibt Skandal und Verbrechen zugleich, doch Brodkorb möchte insbesondere die Einseitigkeit der Urteile überwinden, ebenso die verbreitete Rede von der sogenannten Raub- oder Beutekunst: „Moralisch fundierte Forderungen nach Wiedergutmachung setzen jedoch voraus, dass sich die historischen Rollen von Opfern und Tätern eindeutig auf bestimmte historische Akteure verteilen lassen.“ Indessen lasse sich „historische Schuld und Unschuld“ nicht „auf Hautfarben“ verteilen. Die Geschichte der Kolonialzeit sei zudem kompliziert.

So versteht Brodkorb sein Buch vor allem als „Plädoyer gegen moralistische Hybris“ und tritt für das „erklärende Verstehen“ ein, das jedes „rückblickende Verurteilen“ ersetzen solle. Postkoloniale Denker sollten also nicht als „moralische Apostel der Weltgeschichte“ auftreten. Unter den deutschen Kolonialherren fänden sich ebenso „Täter“ wie „Wohltäter“, die Afrikaner seien ebenso Begünstigte oder Opfer, mitunter auch Kollaborateure und Täter gewesen. Der deutsche Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst etwa nannte die Sklaverei eine „Schande des Menschengeschlechts“ und trat dafür ein, durch Kolonialpolitik aus Mitmenschlichkeit Afrikaner aus der Sklaverei durch Afrikaner zu befreien. Man mag solche philanthropischen Motive eines christlichen Humanismus nun für ausnehmend naiv halten, aber die Motivlage für die Kolonialgeschichte war mitnichten so eindeutig, wie dies dargestellt werde. Afrikanische Machthaber baten etwa im 16. Jahrhundert den König von Portugal ausdrücklich um die Entsendung christlicher Missionare, auch an Papst Clemens XI. wurden entsprechende Gesuche im 18. Jahrhundert gerichtet. Diese Wünsche, so Brodkorb, hatten nichts mit der Sorge um das Seelenheil zu tun, sondern mit dem Verbot, dass Nichtchristen Schusswaffen ausgehändigt werden durften. So öffnete die Taufe eines afrikanischen Königssohnes die „Tür zum Waffenschrank der Portugiesen“, und das Königreich Benin führte in Afrika Eroberungskriege gegen Nachbarstaaten. Die Bevölkerung dieser wurde versklavt. Doch vertreten werde bis heute die „Leitidee der schwarzen Unschuld“, ebenso werde mit Idealtypen gearbeitet, der „schwarze Mann“ sei das Opfer, der „weiße Mann“ der Täter. Westlicher Rassismus ebenso wie Humanismus würden ursächlich dafür sein, „selbst dort, wo Afrikaner Gewalt an Afrikanern verübt haben“: „Ohne den weißen Westen, so scheint es, wäre Afrika ein Ort der Eintracht gewesen.“

Das „Postkoloniale Narrativ“ hat deutliche Konsequenzen für die Völkerkundemuseen. Die Aufklärung über die Kulturgeschichte der Welt wird zur Nebensache, nun würden, so Brodkorb, „zeitgeistig erwünschte Erzählungen“ präsentiert: „Aus der Suche nach der Wahrheit wird die Verfestigung einer erwünschten gesellschaftlichen Erzählung.“ Die Museen werden politisiert. Die Rede ist von Raubkunst, die zurückgegeben werden müsse. Brodkorb schlägt eine pragmatische Lösung vor: „Deutschlands Museen ersticken regelrecht an Objekten aus dem kolonialen Kontext. Es sind so viele, dass man sie unmöglich alle adäquat betreuen, erforschen und ausstellen kann. Also könnte man es auch ganz pragmatisch handhaben, einfach halbe-halbe machen und den Rest dem Vergessen überantworten. Freilich nicht einem Vergessen im Sinne eines Nicht-mehr-Erinnerns. Aber doch einem Vergessen, das das Handeln der Lebenden nicht mehr schicksalhaft an das einstige Handeln der Toten kettet." Zudem dürfe nicht beständig von der Schuld der Weißen gesprochen und von der „arabischen und innerafrikanischen Sklaverei auf dem afrikanischen Kontinent zugleich beharrlich geschwiegen“ werden.

Mathias Brodkorb tritt dafür ein, die Geschichte in der ganzen „Widersprüchlichkeit und Buntheit“ in den Museen zu erzählen. Seinem engagiert verfassten, gut recherchierten und politisch unbequemen Buch, das gewiss auch kontroverse Diskussionen verdient, sind zahlreiche interessierte Leser zu wünschen.

Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny

Postkoloniale Mythen
Mathias Brodkorb
Postkoloniale Mythen
Auf den Spuren eines modischen Narrativs. Eine Reise nach Hamburg und Berlin, Leipzig, Wien und Venedig
272 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-98737032-8
zu Klampen 2025