Politik

Die christliche Religion in der US-Politik

Ein öffentlich betender amerikanischer Präsident, christliche Fundamentalisten, welche die Evolutionstheorie leugnen: In Europa bemerkt man mit Befremden vor allem die religiösen Konservativen wie Präsident Bush, doch diese sind nur der auffälligste Teil eines größeren Phänomens in Nordamerika. Dieses zu erklären, hat sich der von Manfred Brocker herausgegebene Sammelband zum Ziel gesetzt.

Bernd Ostendorf diagnostiziert für die letzten Jahre eine "gesamtgesellschaftliche Verschiebung [...] hin zu einer christlich-moralischen Stimmung", einer "überkonfessionellen Erweckungsbewegung", einer "postmodernen Religiosität" in den USA (S. 28). Man kann also nicht eigentlich von einer religiösen Rechten und einer nichtreligiösen Linken sprechen; die Demokraten wurden von dieser Erweckung ebenso erfasst wie die Republikaner. 1976 war es zuerst Jimmy Carter gelungen, zahlreiche evangelikale Wähler zu gewinnen; dennoch hat heute die Republikanische Partei in den Evangelikalen ihre vielleicht wichtigste und aktivste Basis, ja die Evangelikalen begannen seit 1988, die Republikanische Partei zu infiltrieren - George W. Bush bekennt sich selbst zu dieser Richtung.

Zwar entscheidet in den USA nach wie vor die weiße Bevölkerungsmehrheit die Wahlen, weil die Afroamerikaner ganz überwiegend die Demokratische Partei wählen. Religiös sind sie nicht minder. Britta Waldschmidt-Nelson erläutert in ihrem Beitrag über die politische Dimension der "Black Church", dass fast alle bedeutenden Führungspersönlichkeiten der schwarzen Bürgerrechtsbewegung einem religiösen Hintergrund entstammten. Trotz der brutalen Repression durch weiße Rassisten in den Südstaaten radikalisierte sich nur ein Teil der schwarzen Bewegungen - z.B. die "Nation of Islam" - der größere Teil der "Black Church" aber blieb aufgrund seines festen Glaubens an das Gebot der christlichen Nächstenliebe pazifistisch. "Gerade in dem gewaltlosen Protest und seiner moralischen Stoßkraft lag jedoch das Geheimnis des Erfolgs der Bewegung." (S. 123)

Mehrere Beiträge des Bandes analysieren die Rolle der Religion in der amerikanischen Politik aus historischer Perspektive. Manfred Berg kommt dabei zu dem Schluss, dass das, was den Europäern als Kennzeichen der Moderne erscheint, ein säkularer Staat nämlich, tatsächlich "nur eine Variante der Modernisierung und keinen universalen Maßstab darstellt." In den USA sorgten die viel entschiedenere Trennung von Kirche und Staat sowie die weit größere Vielfalt des religiösen Lebens mit den verschiedensten Glaubensgemeinschaften, die sich aber weitgehend räumlich voneinander trennten, dafür, "dass die Religion, selbst bei Liberalen und Linken, nie so stark als systemstabilisierende Ideologie in Verruf kam, wie dies in Europa der Fall war." (S. 48) Insofern erliegen die Europäer einem Irrtum, wenn sie Amerika aus ihrer Perspektive bewerten. Nach Detlef Junker handelt es sich nicht um ein "grandioses Missverständnis", wie der ehemalige deutsche Bundespräsident Johannes Rau vermutet, "wenn Präsident Bush von der göttlichen Mission Amerikas spricht, sondern um ein Kernelement amerikanischer Identität." (S. 219) Die "unverwechselbare Mischung von christlichem Republikanismus und demokratischem Glauben" ist für Europäer schwer nachvollziehbar: "Eine Nation mit der Seele einer Kirche. Die amerikanische Nation hat keine Ideologie, sie ist eine." (S. 212) Und mit ihrer "Zivilreligion" - Freiheit, Demokratie, Markwirtschaft - meint sie, die Welt beglücken zu sollen. Oder, wie Präsident Bush es 2003 verkündete: "Die Freiheit, die wir so hoch schätzen, ist nicht das Geschenk Amerikas an die Welt, sondern das Geschenk Gottes an die Menschheit." (S. 221)

God bless America - Politik und Religion in den USA
Manfred Brocker (Hrsg.)

God bless America - Politik und Religion in den USA


Primus 2005
229 Seiten, gebunden
EAN 978-3896785244

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