Vom Ende eines Supertalents
Talent ist nichts weiter, als das Vertrauen in das eigene Können. Verliert zum Beispiel ein Schauspieler sein Talent, ist es, als verlernte der Wachhund das Beißen. Der Schauspieler allerdings wird - im Gegensatz zum Wachhund - auf sich zurückgeworfen, sich dem Verlust seines eigenen Lebenssinns bewusst. Der Mensch hat keine Wahl, wenn ihm die Urinstinkte - etwas anderes ist das Talent eines Schauspielers nicht - für sein Handeln verloren gehen. Ist er sich dieser Situation erst einmal bewusst, ist er dieser Situation hilflos ausgeliefert. Weder An- noch Entspannung, weder Schauspieltraining noch eine Auszeit können die Rückkehr des Talents bewusst befördern. Die Krise ist vorprogrammiert, wann sie vorbei ist, ein Zufall.
Eine solche Krise ist der Ausgangspunkt des neuen Romans von Philip Roth. "Die Demütigung" handelt von Simon Axler, einst als der "letzte große klassische amerikanische Bühnenschauspieler" gefeiert, und nun dem Schwinden seines Talents ausgeliefert. Mit Anton Tschechow’s "Die Möwe", einer Komödie in vier Akten, feierte Axler seinen letzten großen Erfolg. Roth’s "Demütigung" ist das literarische Gegenstück dazu, ein Drama in drei Akten.
Von Schauspielerei versteht Roth nicht wenig. Als Student stand er selbst auf der Bühne, hat viele Freunde, die selbst Schauspieler sind. Und lange Zeit war er mit der Schauspielerin Claire Bloom liiert und verheiratet. Seine Kenntnisse der Schauspielerei sind daher vorwiegend persönlicher Art - und damit umso tiefgehender.
Was es bedeutet, dem beruflichen Versagen mit allen Sinnen ausgeliefert zu sein, beschreibt Roth in seinem Roman in kurzen wie prägnanten Sätzen, die unter die Haut gehen und keine Ausflüchte zulassen: "An die Stelle der Gewissheit, dass er wunderbar sein würde, trat das Wissen, dass er versagen würde." Anfangs treibt Simon Axler noch die Hoffnung um, etwas gegen die zunehmende Unsicherheit unternehmen zu können. Gedanken, dass er etwas falsch mache, die falschen Rollen spiele oder sich nur in einer Krise befinden würde, lassen ihn nicht los. Immer wieder geht er seine Rollen durch, wiederholt Passagen, versucht sich zu konzentrieren. Vergeblich. Abend für Abend ist er auf der Bühne, in aller Öffentlichkeit seinem eigenen Versagen ausgeliefert - und er weiß es. Axler kann sich aus dieser Zwangslage der eigenen Bewusstheit nicht befreien. "Das Schauspielern wurde zum allabendlichen Versuch, sein völliges Unvermögen zu vertuschen."
Die öffentliche Zurschaustellung unterscheidet Axler in seinem Versagen von anderen Künstlerkollegen. Versagt ein Autor, schreibt er nicht und verschwindet maximal in der literarischen Irrelevanz. Ähnliches widerfährt dem Maler oder Musiker in der Krise. Nicht aber dem Schauspieler Axler. Sein Scheitern muss auf der Bühne stattfinden - oder es (und damit auch er) findet gar nicht statt. An Axlers täglichem Versagen zerbricht seine Ehe und schließlich auch er selbst. Aufgrund von Selbstmordphantasien lässt er sich in eine Klinik einweisen. 26 Tage verbringt er dort, wo ihn eine Erkenntnis ereilt, die dem weiteren Roman seinen Sinngehalt geben wird: "Selbstmord ist die Rolle, die man für sich selbst schreibt. Man füllt sie aus und setzt sie um. Alles ist sorgfältig inszeniert: wo sie einen finden und wie sie einen finden. Aber es gibt nur eine einzige Vorstellung."
Von dieser letzten, einzigen Vorstellung, der Inszenierung des eigenen Abgangs, erzählt Roth in seinem neuen Roman, in einer intensiven, unaufhörlich nach vorne drängenden Sprache. Wie der Autor beobachtet auch der Leser das Geschehen von außen und wird ahnender Zeuge des sich abspielenden Dramas. Dabei verschiebt der amerikanische Autor das Zentrum seines Romans behutsam von der Demut vor dem eigenen Versagen zur Erniedrigung Axlers durch Pegeen, der deutlich jüngeren, androgynen Tochter eines ehemaligen Freundes, die lesbisch lebt und mit dem alternden Schauspieler ihren heterosexuellen Phantasien nachgeht. Mitten im Liebestaumel schlägt ihr Axler vor, "aufzuhören, solange noch keine Herzen gebrochen sind". Doch schon in dem Moment, in dem Roth diesen Satz vernimmt und zu Papier bringt, ist es zu spät. Axler liefert sich der Liebe zu Pegeen aus. Ihn hat die Faszination, die diese junge Frau auf ihn ausübt, ebenso überkommen, wie der Verlust seines Talents. Erneut in einer Zwangslage überlässt er sich der Anziehung dieser Frau. Was nun beginnt, ist das, was der deutsche Titel mit "Demütigung" ausdrücken möchte. Damit liegt der herausgebende Hanser-Verlag aber leicht neben dem, was Roth mit seinem englischen Titel "The Humbling" eigentlich sagen will. Er meine eher Erniedrigung, als Demütigung, sagte Roth in einem Interview. Denn Axler wird nicht gedemütigt. Er wird erniedrigt von den Regeln dieses Liebesspiels, die die Beschränktheit dieser Verbindung und ihr Ende bereits vorwegnehmen. Er wird erniedrigt von der jüngeren Pegeen, für die das Ganze nur ein Spiel, eine Raffinesse in ihrem eigenen, chaotischen Leben ist. Vergeblich versucht Axler durch seine ihm zur Verfügung stehenden Mittel das Unabwendbare zu verhindern. Er ahnt, was kommen muss, und kann sich der schallenden Ohrfeige, die auf ihn zurast, dennoch nicht entziehen.
Mit jedem Roman, den der inzwischen 77-jährige Roth schreibt, wird er kürzer und direkter. Seine Literatur wird dadurch nicht knapper, sondern verdichteter und intensiver. Er hat ihn längst verdient, den einen Preis, auf den zu warten er nicht offen zugibt, für den er aber mit jedem neuen Roman eine unschlagbare Bewerbung abgibt. Als Roth-Leser fragt man sich längst nicht mehr, wann das Nobel-Komitee von seinem anti-amerikanischen Ross herabsteigt und den größten Schriftsteller Amerikas endlich würdigt. Denn statt Roth mit dem Nobelpreis zu schmücken, leidet dessen Ansehen mit jedem Jahr, in dem er nicht an ihn geht. Roth Ausstrahlung ist längst mehr wert, als die des Titels. Und ob der Nobeltitel inzwischen noch einen Philip Roth verdient hat, ist nach so mancher Entscheidung der letzten Jahre anzuzweifeln.
"Die Demütigung" reiht sich in die Folge der letzten Roth-Romane ein. Ebenso wie "Jedermann" oder "Empörung" - nur unterbrochen vom Abgesang der Zuckermann-Ära in "Exit Ghost" - beschreibt er darin Zustände des schicksalhaften Ausgeliefertseins, sei es dem Tod, einer Krankheit oder einer unmöglichen Liebe. Ein weiteres Buch dieser Art kündigt Roth in einem (am Rande bemerkt grandiosen, sein Werk umgreifenden) Interview mit Thomas David in der aktuellen Ausgabe des Lettre International an. "Nemesis" soll es lauten und das Buch-Quartett über Krankheit und Tod beenden. Es ist bereits geschrieben und Anhänger des größten amerikanischen Literaten können ab jetzt gespannt darauf warten.
Ähnlich wie in Tschechows Stück treten die sozialen Umstände in dem neuen Roman von Philip Roth hinter die Handlung zurück und legen frei, was man als "Wandeln am Abgrund" bezeichnen könnte. Am Ende dieses großen Romans lässt Roth seinem Schauspieler die "eine einzige Vorstellung" aufführen. Es ist wieder Tschechows "Die Möwe", mit der er Axler seinen Schlusspunkt setzen lässt. Ein Zitat, auf einem Zettel geschrieben, den die Putzfrau neben der Leiche Axlers findet. Neun Wörter darauf: "Die Sache ist die: Konstantin Gawrilowitsch hat sich erschossen."
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