Literatur

Gehaltvolle Kurzgeschichten von Peter Bichsel

"Erzählen ist aber etwas anderes als reden - erzählen ist eine eigenwillige Form von Schweigen, erzählen ist der Weg der Stille." (Seite 21)

Der vorliegende Band enthält zehn bereits veröffentlichte Geschichten von Peter Bichsel, die von Adrienne Schneider zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen herausgegeben wurden. Drei Geschichten (Feiertage / Bescheidenheit und Entschiedenheit / Zum Beispiel das mit den Käfern) sind 1995 in der Kolumnensammlung "Gegen unseren Briefträger konnte man nichts machen" veröffentlicht worden und drei (Lesebuchgeschichte / 24. Dezember / Mann mit Hut - ein Nachwort) 1993 in dem Buch "Zur Stadt Paris". Eine Geschichte (Am Anfang war das Wort) wurde 2003 in der Kolumnensammlung "Doktor Schleyers isabellenfarbige Winterschule" veröffentlicht, eine (Die heilige Zeit) in der "Schweizer Illustrierte" (2002), eine (Dummheit ist Macht) stammt aus "Kolumnen, Kolumnen" und eine (Im Winter muss mit Bananenbäumen was geschehen) aus "Geschichten zur falschen Zeit".

"Sein ehemaliger Lehrer wäre mit ihm zufrieden gewesen, denn er hatte ihm beigebracht, nicht zu stören, was auch immer geschehen möge, nicht zu stören. Das hatte der Zeitungsverkäufer vor sechzig Jahren gelernt. Jetzt stört er nicht, jetzt fällt er nicht auf, und vielleicht hätte er das Gläschen Kaviar doch besser gestohlen. Damit hätte er endlich einmal gestört." (Seite 14)

Peter Bichsels Bücher sind Bücher zum Durchblättern, weniger zum Durchlesen. Man blättert sie also durch, bleibt an einer Geschichte hängen, kommt ins Nachdenken und irgendwie wird es zur eigenen Geschichte: Irgendwie erinnert man sich der Situationen, Charaktere, Stimmungen. Auffallend ist die selbstverständliche, einfache Sprache. Dass sie sich ganz offensichtlich nicht so einfach schreiben ließ, ist an den meisterhaften Wortspielen oder an der präzisen Wortwahl zu erkennen, so dass seine Sätze häufig viel mehr aussagen, als wirklich geschrieben steht.

Zum Beispiel sitzen zwei Männer, die sich kaum kennen, nachts in einer Klinik, warten auf den Tod eines Bekannten und wissen nicht, worüber sie reden sollen: "Und erst jetzt, nach Stunden, kam der Satz: "Ich mag den Geruch von Spitälern nicht", ein unvermeidlicher Satz, der immer erst dann fällt, wenn es nach gar nichts mehr riecht, wenn Geruchlosigkeit an Gerüche erinnert, Hutlosigkeit an Hüte, Sprachlosigkeit an Sprache." (Seite 47)

Das Typische, das Herausragende an Peter Bichsel ist, dass es ihm gelingt, mit wenigen, simpel anmutenden Sätzen, Zusammenhänge, Charaktere, Strukturen oder Gefühle erahnen zu lassen, ohne einem, mit einer eingrenzenden oder direktiven Aussage, seine Vorstellung aufzuzwingen. In seiner ruhigen, unspektakulären Art macht er behutsame Andeutungen, die alles offen lassen - vielleicht ein Erspüren von Verhältnissen, möglicherweise auch Betroffenheit aber auch das Nicht-Wahrnehmen-Wollen oder -Können.

"Wer Käfer in der Wohnung hat, ist ein unordentlicher Mensch. Ich möchte ein ordentlicher Mensch sein. (...) Also bringe ich sie um, und ich nehme ihnen das persönlich übel, dass ich sie umbringen muss. Ich hasse sie, weil sie mich schuldig machen." (Seite 31)

Sie sind kurz, seine Erzählungen, drei bis vier Seiten lang, nur eine hat knapp zwölf Seiten. Aber es steht viel drin. Am liebsten mag ich die ganz kurzen, die nur ein paar Sätze lang sind. Leider sind in diesem Band keine.

"Geschichten erzählen ist umgehen mit Zeit. Eine Geschichte hat seine Zeit, hat einen Anfang und ein Ende, wie das Leben." (Seite 20)

Dezembergeschichten
Peter Bichsel
Adrienne Schneider (Hrsg.)

Dezembergeschichten


Insel 2007
56 Seiten, gebunden
EAN 978-3458192954

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