Wirtschaft

Volkswirtschaftslehre zum Anfassen

Die Wirtschafts- und Finanzkrise des vergangenen Jahrzehnts ist nicht zuletzt ein klarer Beleg dafür, wie wichtig es ist, dass sich die zukünftigen Manager in Wirtschaft und Verwaltung sowie die angehenden Politiker nicht nur mit betriebswirtschaftlichen bzw. mit rechts- und politikwissenschaftlichen Fächern, sondern auch mit der Volkswirtschaftslehre intensiv auseinandersetzen müssen. "Obwohl spätestens im Herbst 2007 deutlich zu erkennen war, dass die Weltwirtschaft in eine schwierige Phase geraten würde, waren die meisten Entscheidungsträger so geblendet vom kurzfristigen Geschäftserfolg, dass sie der massive konjunkturelle Einbruch im vierten Quartal 2008 völlig unvorbereitet traf. Das Problem einer unzureichenden volkswirtschaftlichen Kompetenz ist leider auch in der Politik weit verbreitet. So machte sich am 16. September 2008, einen Tag nach der Lehman-Insolvenz, der damalige Finanzminister Peer Steinbrück über Volkswirte lustig, die vor der Gefahr einer Rezession warnten" (siehe S. 2).

Die vorliegende Einführung in die Volkswirtschaftslehre hebt sich in zweifacher Weise wohltuend von den meisten Lehrbüchern dieser Disziplin ab. Zum einen werden in insgesamt 30 Kapiteln neben dem in der Mikroökonomie untersuchten einzelwirtschaftlichen Entscheidungsverhalten und der Untersuchung einzelner Märkte auch die Makroökonomie einbezogen, um insbesondere die gesamtwirtschaftlichen Ziele sowie die Bereiche der Fiskal- und Geldpolitik näher zu untersuchen. Zum anderen hat sich der Autor, der Tradition seines renommierten akademischen Lehrers Wolfgang Stützel folgend, bewusst dem derzeitigen Trend, dem viele seiner Fachkollegen frönen, entzogen und kein mit Mathematik voll bespicktes Traktat, keine VWL die "nur aus ausgedörrten Gleichungs-Steppen" besteht, sondern eine "VWL zum Anfassen", gleichsam eine VWL, welche "auch aus reizvollen und fruchtbaren Landschaften besteht", konzipiert.

Nach einem einführenden Kapitel in dem es im Wesentlichen darum geht, dass Volkswirtschaftslehre zeigt, wie Märkte funktionieren und warum sie auch immer wieder nicht funktionieren, werden im Teil I "Mikroökonomie" u. a. die folgenden Fragestellungen und Aspekte behandelt:
- Die "unsichtbare Hand" des Marktes: Wie kommt der Aktienkurs für die Hyper-Tec AG zustande?
- Die Arbeitsteilung ist die Mutter unseres Wohlstandes.
- Wie kann man eine arbeitsteilige Wirtschaft am effizientesten organisieren?
- Der Markt in Aktion.
- Anbieter sind am Wettbewerb nicht sehr interessiert: die Welt von Monopolen und Kartellen.
- Die Distributions- und Allokationsfunktion des Staates.

Der Teil II "Makroökonomie" befasst sich u. a. mit diesen Themen:
- Ziele der Makroökonomie.
- Volkswirtschaftliche Daten und Rechenwerke.
- Konjunkturelle Arbeitslosigkeit.
- Die Stabilisierungsaufgabe des Staates.
- Das makroökonomische Zusammenspiel zwischen Geld- und Fiskalpolitik.
- Finanzsystem.
- Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft.
- Wirtschaftswachstum und Wohlstand.

Die vorliegende vierte Auflage wurde gründlich überarbeitet und durchgehend aktualisiert. Die wichtigsten Neuerungen sind drei eigenständige Kapitel zum Finanzsystem. Dabei wird insbesondere die Rolle der Banken als Originatoren von Geld- und Kreditschöpfungsprozessen in den Mittelpunkt gestellt. Nur so lassen sich die globale Finanzkrise und die sich daran anschließende Eurokrise angemessen verstehen. In diesem Zusammenhang wird der Zusammenhang zwischen der Banken-, Staatsschulden- und makroökonomischen Krise referiert und deutlich gemacht, dass dieser Teufelskreis erst durch die Ankündigung der OMT-Programme gestoppt werden konnte. Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass dabei auch die Europäische Kommission eine wichtige Rolle spielte, da sie in den Jahren 2013 und 2014 den Ländern deutlich mehr Zeit zum Erreichen der Defizitziele eingeräumt hat. Der zunehmenden Kritik an der Weltfremdheit volkswirtschaftlicher Modelle wird insoweit Rechnung getragen, als das in den meisten Lehrbüchern völlig unkritisch präsentierte AS/AD-Modell auf seine Schwachstellen überprüft wird. Dabei zeigt sich, dass dieses Modell eine Selbststabilisierung der Marktwirtschaft propagiert, die so nicht gegeben ist. Um den Kontrast zu diesem Ansatz zu unterstreichen, wird in dieser Auflage dem Problem der konjunkturellen Arbeitslosigkeit ein eigenständiges Kapitel gewidmet.

Der methodische Aufbau und die sehr gelungene Gestaltung dieser Einführung orientieren sich an den einschlägigen US-amerikanischen Lehrbüchern (z. B. N. Gregory Mankiw, "Principles of Economics"):
- Jedem Sachgebiet werden die entsprechenden Lernziele vorangestellt. Themenrelevante Schlagwörter und Aufgaben zur Lernzielkontrolle schließen die einzelnen Kapitel ab.
- Eine Fülle kleiner Fallstudien und Beispiele sowie Schaubilder und Tabellen mit informativen Daten unterstützen das Verständnis für die jeweiligen theoretischen Grundlagen und Zusammenhänge und vermitteln auch das nötige Faktenwissen.
- Die meisten theoretischen Modelle lassen sich auf der begleitenden Website nachspielen und dabei anhand von Simulationen einfach nachvollziehen, wie Märkte im Kleinen und Großen funktionieren. Des Weiteren kann man auf dieser Website auch alle Lösungen zu den Aufgaben im Buch nachschlagen.
- Eine besonders gute Idee ist auch der modulare Aufbau des Buches, der dem Leser, je nach seinen Interessen und zeitlichen Möglichkeiten, fünf unterschiedliche Routen (ausgehend vom Fast-Track bis hin zum Marathon) durch die VWL ermöglicht. Die wenigen Stellen, an denen elementare bzw. fortgeschrittene Kenntnisse der Mathematik vorausgesetzt werden, sind entweder optional oder können anhand der verbalen Erläuterung gut verstanden werden.
- Das Studienvergnügen wird durch ein mit Farben und Bildern aufgelockertes Textbild unterstützt. Zusätzlich kann man bei der Tour durch dieses Lehrbuch die wichtigsten Pioniere der Ökonomie, d. h. jene Wissenschaftler, welche in den letzten Jahrhunderten bis hin zur Gegenwart die Fundamente für die heutige VWL gelegt haben (z. B. Adam Smith, David Ricardo, John Maynard Keynes, Friedrich August von Hayek, James Tobin und Milton Friedman), kennen lernen.
- Dozenten finden auf der begleitenden Website u. a. einen kompletten PowerPoint-Foliensatz für eine 2-stündige Einführungsvorlesung auf der Basis dieses Lehrbuchs und den darin enthaltenen Abbildungen.

Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Uni Würzburg und seit 2004 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, ist seit Jahren als streitbarer und eloquenter Ökonom mit seinen eher keynesianischen Ideen auf Konfrontationskurs zu der - und diese Feststellung galt zumindest bis zur Finanzkrise - eher neoliberalen Linie der Mehrheit seiner Fachkollegen gegangen. Der Öffentlichkeit ist er spätestens seit 1997, als er eine Professoren-Initiative für den Euro auf die Beine stellte, bekannt. Schon vor Jahren warnte er vor der Selbstzerstö-rungskraft ungezügelter Märkte. Er war auch einer der wenigen deutschen Ökonomen, welche sich gegen die Kernforderungen der Agenda 2010 und der Hartz-Reform aussprachen.

Bereits wenige Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage gilt dieses Werk von Bofinger als Paradebeispiel für ein didaktisch-methodisch überzeugend gelungenes Lehrbuch, das den Leser für das Fach Volkswirtschaftslehre begeistern und Einsichten in eine spannende Wissenschaft vermitteln kann. Dieses Buch kann nicht nur den Studenten der Wirtschafts-, Politik- und Verwaltungswissenschaften, sondern auch den Managern, Politikern und Verwaltungschefs sowie nicht zuletzt allen an der Wirtschaftspolitik Interessierten bestens empfohlen werden.

Grundzüge der Volkswirtschaftslehre
Peter Bofinger

Grundzüge der Volkswirtschaftslehre


Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten
Pearson Studium 2015
672 Seiten, gebunden
EAN 978-3868942293

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