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Menekşe Toprak: Peri Verhängnisvolles Schweigen

04. April 2026
von Eva Lacour

Ohne es zu ahnen teilen zwei verschlossene, einsame junge Menschen ein gemeinsames Schicksal. Erst als ein Ertrunkener mit Stichwunden an den Beinen in einem See aufgefunden wird, entdecken die beiden ihre Verbindung: Der getötete Vater des jungen Kaan war pädophil und Peri eines seiner zahlreichen Opfer.

Der fünfte Roman von Menekşe Toprak erzählt die Geschichte dieser beiden jungen Leute, die sich anlässlich des Todes des Täters mühsam und unter Schmerzen ihrer Vergangenheit stellen und nach der Wahrheit suchen. Allmählich wird deutlich, dass es Mitwisser gibt oder dass mancher zumindest etwas ahnte – doch anstatt den Kinderschänder zur Rechenschaft zu ziehen, werden seine Taten schweigend verdeckt: Die Mutter entschuldigt das Treiben ihres Sohnes oder rechtfertigt es womöglich sogar, die ältere Schwester verlässt Istanbul und zieht nach Ankara, nachdem ihre eigene Tochter zum Opfer wurde, die Ehefrau lässt sich scheiden und nimmt den gemeinsamen Sohn Kaan mit, um ihn zu schützen, Peris hilflose Mutter schaut einfach nur weg – doch niemand sorgt dafür, dass der Missbrauch von Kindern aufhört.

„Vater ist der Grund dafür, dass wir alle uns entwurzelt und heimatlos fühlen.“ (S. 180) Zu dieser Erkenntnis gelangt Kaan.

Peri indessen leidet auch Jahre später noch unter den Folgen des Missbrauchs. Unfähig, eine echte Beziehung einzugehen, reproduziert sie das Geschehen, indem sie sich als Achtzehnjährige auf flüchtige Abenteuer mit Männern mittleren Alters einlässt – nicht, weil sie das möchte, sondern weil sie unfähig ist, Grenzen zu setzen. Noch nicht einmal eine echte Freundin hat sie, und über ihr Trauma zu sprechen, ist ihr unmöglich. Scham und Schuld – diese typischen Gefühle im Anschluss an eine Traumatisierung – plagen Peri und verhindern eine Bewältigung des Geschehenen.

Als einer der Männer, denen sie sich hingibt, sie fragt: „Wessen Nymphchen warst du?“, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen: Sie liest „Lolita“ und begreift, dass ihr Peiniger, wenn er sie „Nymphchen“ nannte, auf dieses Modell anspielte … Allmählich kommt eine Lawine ins Rollen. Peri verrät Kaan den Ort des geheimen „Liebesnests“ seines Vaters und fordert ihn auf, die Spuren zu sichern, bevor sie beseitigt werden, und der schonungslosen Wahrheit über seinen Vater ins Auge zu sehen.

Sie selbst trifft sich mit einer Jugendfreundin, die sie seit zehn Jahren nicht gesehen hatte. Und endlich bricht Peri ihr Schweigen: Sie schildert ihr den Tag, als sie ihren Peiniger an genau jenem Ort zur Rede stellte, an dem er seinerzeit auf sie als potenzielles Opfer aufmerksam wurde. Und damit beginnt für sie der Weg in die Freiheit …

Ein schonungsloser, bewegender Roman, in dem Menekşe Toprak ein wichtiges Thema in Angriff nimmt.

Alle Rezensionen von Eva Lacour

Peri
Menekşe Toprak
Peri
224 Seiten, broschiert
ISBN 978-6-25568378-6