Literatur

«Es ganzes Läbe lang, mit Garantie!»

«De heig ne d Barbara
im Facebook gfrogt,
ob är ächt ihre Fründ wöu wärde.»

So beginnt eine von 23 Kurzgeschichten in Pedro Lenz gesammelten «Liebesgschichte» (erschienen im Cosmos-Verlag). Was für den Leser unverfänglich daher kommt, ruft bei Schämpu alte Erinnerungen und jugendliche Demütigungen wach. «Akzeptiere» ist nicht die einzige Geschichte mit einem Protagonisten, der davon erzählt, in früheren Jahren weit weniger souverän gehandelt zu haben als damals erwünscht. Eine zufällige Begegnung oder eine Freundschaftsanfrage auf Facebook genügen und plötzlich sind sie da, die Bilder und Erinnerung aus der Vergangenheit. Natürlich klickt Schämpu nicht einfach auf «akzeptieren», die Geschichte wäre ja dahin, und nein, gerade so einfach will er es dieser Barbara, die ihn im Tanzkurs 1980/81 kaum beachtet hat, dann doch nicht machen.

«Denn hätt är i Gedanke
tuusig Mou uf «akzeptieren» ddrückt,
immer und immer wieder,
«Freundschaftsanfrage akzeptieren»
«akzeptieren»
«akzeptieren»
«akzeptieren»
«akzeptieren»
«akzeptieren»

Aber jetze,
jetz drück är
gar nüt meh.»

Andere wiederum greifen auf der Suche nach dem (Liebes-)Glück zu stark ins Geschehen ein. So etwa im Text «Bhüet di», in dem der siebzehnjährige Ich-Erzähler die jüngste Tochter des Geschichtslehrers auszuführen gedenkt. Treffpunkt ist die Grottebar in Rütschelen. Mager wie ein «Natürjoghurt» und mit einem Selbstvertrauen «wi ne verchlemmte Zwärghamschter» - entscheidet sich der Protagonist ganz gezielt für einen abgelegenen Ort. Als er viel zu früh bei der Grottebar eintrifft, ist diese, «Nondediö», geschlossen. Keinesfalls will er sich an der starken Julisonne einen «füürzündrote Chessu» einholen, deshalb geht er ins Tea-Room nebenan, wo er sich ein Café Creme und einen Song aus der Musikbox gönnen will. Dummerweise vertut er sich in der Wahl des Titels und kann, als die ersten Takte des Songs «Bhüet di Gott Angelika» ertönen, nicht anders, als kräftig gegen die Musikbox zu treten. Doch hoppla, das «Singeli nimmt e Gump» und schon klingts nur noch «Bhüet di, bhüeti di» aus der Musikbox. Vom Chef höchstpersönlich auf die Strasse gestellt, macht sich der gedemütigte Ich-Erzähler «vom Acher».

«Ob d Eichbärger Jeanne
mi denn a däm Summerobe
sehr fescht vermisst het,
hani nie usegfunge.

Aber weni re hütt
no öppis chönnt säge,
de würdi gloub säge:
«Bhüet di, Bhüet di, Bhüet di, Bhüet di.»»

Auffallend ist, dass die Geschichten sehr stark (viel stärker als dies bei anderen Texten und Autoren der Fall ist) an Pedro Lenz gebunden sind. Dieser Umstand ist einerseits zweifelsohne eine Auszeichnung für Lenz Art, seine Texte und Episoden zu erzählen und vorzutragen. Andererseits wünscht man sich den Lenz beim Lesen manchmal auch weit weg und möchte an den Text herankommen, ohne Lenz Stimme im Ohr zu haben. Die Texte selber laut zu lesen, ist sicher ein Mittel, um bei der Lektüre eine gewisse Entfernung zum Autoren zu gewinnen (und sich selber zum Schmunzeln zu bringen).

Nicht allen 23 «Liebesgschichte» (die eigentlich auch «Liebesgedicht» heissen könnten) wohnt eine gleiche Dringlichkeit, allen aber eine eigene Dramatik inne. Als Leser ist man meistens nicht nur nah dran, sondern oft mitten drin, leidet empathisch mit der Yolanda mit, die im Zug von ihrem Freund abserviert wird und steht am Sterbebett des Vaters, wo einem - nicht nur in Anbetracht des sterbenden Vaters, sondern auch in Anbetracht der eigenen Hilflosigkeit - die 'Angst zu den Augen rausläuft'. Die Distanz zu den Protagonisten ist gering, denn es sind Menschen, die einem mit ihren Wünschen, Stärken und Schwächen so verflixt ähnlich sind.

Liebesgschichte
Pedro Lenz

Liebesgschichte


Cosmos 2012
144 Seiten, gebunden
EAN 978-3305004287

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