Oskar Schindler: vom Kriegsgewinnler zum Held
"Als ich vor sieben Jahren mit meiner Arbeit an diesem Buch begann, wusste ich über Oskar Schindler nur das, was ich in Thomas Keneallys historischem Roman und in den wenigen Arbeiten gelesen hatte, die nach Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" erschienen waren." Das sind die ersten Sätze des Schlusskapitels von David M. Crowes neuer monumentalen Biographie. Aus genau diesem Anlaß unternahm der amerikanische Historiker seine umfangreichen Recherchen, um ein genaueres Bild des Lebemanns und Judenretters Schindler nachzuzeichnen.
Archive auf der ganzen Welt wurden besucht, eine große Menge an Material gesichtet. Leider bleibt das Ergebnis gänzlich hinter den Erwartungen zurück. Geradezu mager nimmt sich das Gesamturteil aus: Die Frage nach der wundersamen Wandlung Schindlers, vom Kriegsgewinnler zum Retter von 1100 Juden, bleibt offen. Crowes Annahme ist mehr als oberflächlich. So heißt es wörtlich: "Ich denke diese Veränderung vollzog sich über einen längeren Zeitraum hinweg". Nach über 600 Seiten Text kann das für den Leser nicht befriedigend sein, von der Geschichtsforschung einmal ganz zu schweigen. Es drängt sich z.T. der Eindruck auf, als habe sich Crowe der Biographie Schindlers auch nach 7 Jahren nicht wirklich genähert. Zudem sind die Darstellungen zu Schindlers Tätigkeiten als deutscher Geheimagent im Sudetenland oft langatmig und zu minutiös.
Anders verhält es sich mit den Details über den sadistischen Kommandanten des Konzentrationslagers Krakau, Amon Leopold Göth. Da es weder eine Monographie über Göth noch andere wissenschaftliche Arbeiten über ihn gibt, hat Crowe hier wirkliche Pionierarbeit geleistet. Vielleicht gelingt es der neueren Täterforschung, Göth einmal genauer in den Blick zu nehmen.
Gelungen ist auch, dass Crowe seine Erkenntnisse an Spielbergs Film "Schindlers Liste" misst. So kommt es zu mancher Korrektur der Filmvorlage: Das Mädchen im roten Mantel hat sehr wahrscheinlich gar nicht existiert. Schindler hat auch nie in Auschwitz-Birkenau den fehlgeleiteten Judentransport mit Diamanten freigekauft. Fakt ist: Der Umweg über Auschwitz-Birkenau war von Anfang an geplant. Auch die berühmte "Schindlers Liste" soll es, den Recherchen Crowes zu Folge, nie gegeben haben. Er stützt sich dabei auf eine Aussage Schindlers aus der Nachkriegszeit, wonach dieser "die Liste nicht verfasst" hat. Die zeitgleich zu Crowes Werk erschienene Autobiographie von Mieczyslaw Mietek Pemper, Schreiber des KZ-Kommandanten Göth, widerspricht diesem Befund. Zwar gab es nicht die "eine Liste", allerdings existierten wohl mehrere Listen, die originär als Instrument antisemitischer Politik der Nazis gebraucht wurden.
Abschließend bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Neben guten Passagen und interessanten Ergebnissen, die Crowe zu Tage förderte, hat sein Werk erhebliche Schwächen, wie eingangs aufgezeigt wurde. Der ganz große Wurf ist es nicht. Vielleicht erscheint irgendwann eine Biographie Schindlers, die sich mehr auf das wesentliche konzentriert und neben einer umfangreichen Materialsammlung auch eine gestraffte Analyse enthält.
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