Geschichte

Oberflächenfunde in der Burgenforschung

"Oberflächenfunde von Burgen der Schwäbischen Alb" - hinter diesem vermeintlich spröden Titel verbirgt sich ein weit bedeutsameres Buch, als der Titel suggeriert: In einem einführenden Teil werden nach allgemeinen Bemerkungen zu Oberflächenfunden von Burgen, die Funde insgesamt und ihre mögliche Datierung vorgestellt, bevor die Bedeutung derselben für die Burgenforschung skizziert wird. Daran anschließend folgt ein durchgehend farbig bebilderter, mit Fund- und Grundrisszeichnungen versehener Katalog von gut 100 Burgstellen der westlichen Schwäbischen Alb. Die Artikel zu den einzelnen Burgen beschreiben zuerst die Anlage, geben sodann eine kurze Einführung zur (schriftlichen) Überlieferung, woraufhin die Funde vorgelegt und erläutert werden und sodann eine in der Regel sehr kritische Würdigung zu vorsichtig formulierten Ergebnissen führt.

Vielleicht die größte Aufmerksamkeit hat der Band - bei aller Sympathie für regionale Forschungen - weniger wegen seiner Verdienste um die Erforschung der Burgstellen auf der Schwäbischen Alb verdient als mehr aufgrund der Tatsache, dass er die Bedeutung von Oberflächenfunden aufzeigt: Unter Oberflächenfunden versteht der Autor nichtstratifiziertes Fundgut, also neben Lesefunden auch Funde aus gelegentlichen Aufschlüssen im Burgbereich wie z.B. Erdarbeiten. Auch wenn sowohl Menge des Fundgutes als auch Erhaltungsgrad desselben durchaus unterschiedlich sind, und dies aufgrund vieler verschiedener Faktoren, so erbringen diese Funde doch zum einen wichtige Ergebnisse hinsichtlich Datierung und Besiedlung vieler Burgstellen, ohne dass dort kostenintensive Grabungen durchgeführt werden müssten, und zum anderen - und dies ist vielleicht noch bedeutsamer - zeigt die Arbeit auf, dass auch bei Burgen, die intensiv ergraben wurden, wie beispielsweise Burg Baldenstein, die gezielte Suche nach und Auswertung von Oberflächenfunden eine Ergänzung und sogar Modifikation der auf die Burgstelle selber beschränkten Grabungsergebnisse liefern kann. Allein wegen dieses nicht zu unterschätzenden Ansatzes ist der Publikation eine Verbreitung weit über den baden-württembergischen Raum hinaus zu wünschen.

Einige Kritikpunkte, die bei einer zu erhoffenden zweiten Auflage ausgebessert werden könnten, sollen nicht verschwiegen werden: So sind leider einige der Fotografien von Fundmaterial nicht mit einer Maßstabsleiste versehen, und somit nur schwerlich zu verwenden, und insbesondere dem Leser, der sich nicht zu den intimen Kennern der Schwäbischen Alb rechnet, mag es problematisch scheinen, dass sämtliche in dem Band aufgeführten Karten lediglich einzelne Flussnamen als Orientierungshilfe aufweisen, aber keinerlei Ortschaften. Die Tatsache, dass bei den geschichtlichen Abschnitten zu den Burgen nicht durchgehend und konsequent auf Schriftquellen zurückgegriffen wurde, ist einerseits bedauerlich, doch mag es andererseits beckmesserisch sein, einer archäologisch orientierten Publikation, die lobenswerterweise auch historische Aspekte berücksichtigt, nun vorzuwerfen, nicht auch dieses in extenso betrieben zu haben. Ebenso zu beurteilen sind die vorgelegten Pläne: Oftmals weisen sie sehr schematischen Charakter auf oder entbehren eines Maßstabes - doch auch hier gilt derselbe Einwand: Wenigstens hat der Autor sich darum bemüht, Grundrisse aus Günter Schmitts "Burgenführer Schwäbische Alb" verwenden zu dürfen und diese beigefügt. Denn an dieser Stelle sei ausdrücklich betont: Es handelt sich um das Werk eines Laien, der das Material für dieses Buch aus eigenem Interesse in jahrelanger Arbeit zusammengetragen hat.

Zusammenfassend darf man Verlag, Herausgeber und vor allem dem Autor gratulieren und danken für eine Publikation, wie man sie sich für wesentlich mehr Regionen wünschen würde. Allein die Tatsache, dass dem Leser anschaulich vor Augen geführt wird, dass das Phänomen "Burg" weit vielschichtiger ist, als Reiseführerfotos von der Wartburg und Burg Eltz vermuten lassen, ist nicht zu unterschätzen. Wichtiger jedoch scheint die Tatsache, dass der Autor, ein engagierter Laie, durch seine verdienstvolle Arbeit sowohl anderen Laien die Möglichkeiten, die aus einer intensiven Kooperation mit den Denkmalschutzbehörden entstehen können, vor Augen führt, und jenen aber auch in aller Deutlichkeit die nicht zu unterschätzende Bedeutung der Einbindung eben dieser Laien und ihrer Kenntnisse und ihres Forschungsdrangs aufzeigt - denn mit staatlichen Mitteln wäre ein Projekt wie dieses, gerade in Zeiten sich stetig verknappender Mittel, wohl nicht realisierbar gewesen.

Oberflächenfunde von Burgen der Schwäbischen Alb
Christoph Bizer

Oberflächenfunde von Burgen der Schwäbischen Alb


Ein Beitrag zur Keramik- und Burgenforschung
Theiss 2006
432 Seiten, gebunden
EAN 978-3806220384
504 Farb- und sw-Abbildungen

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