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Hitler mit Internet

Stellen Sie sich vor, es hätte im Dritten Reich schon Computer gegeben. Man hätte also über die Menschen, die man elektronisch erfassen kann, so viel gewusst, wie "unser" Überwachungsstaat das heutzutage tut. Nein, wir wissen nicht wirklich, was man über uns alles weiss, wir wollen es auch gar nicht wissen, weil uns sonst wohl ganz schwindelig werden würde.

Telefone und Fernsehgeräte dienen als Abhörgeräte im Nazi-Überwachungsstaat, zwei Millionen aufgezeichnete Gespräche lagern im Nationalen Sicherheits-Amt. Doch wozu soll das gut sein? Wer, um Himmels willen, soll die bloss abhören? Niemand. Ihren Wert haben diese Aufzeichnungen als Archiv. "Wenn irgendjemand irgendwann wegen irgendetwas verdächtigt wird, kann man nachschauen, ob man etwas von ihm hat. Und sei es Jahre her."

Andreas Eschbachs Einfall, einen quasi rückwärts gerichtete Science-Fiction-Thriller zu schreiben, ist genial, die Umsetzung dieser Idee ebenso, was natürlich wesentlich daran liegt, dass hier ein geborener Erzähler am Werk gewesen ist. Und ein überaus hellsichtiger: So schildert er etwa, wie das Bargeld abgeschafft wurde, weil das die Kontrolle über Bürger und Bürgerinnen einfacher macht. Natürlich war die Begründung eine andere: Man will die Korruption in den Griff kriegen, Diebstähle verunmöglichen, es ist eine Massnahme zum Wohle der Allgemeinheit (Motive also, die einleuchtend klingen, denen man genau deswegen jedoch ganz grundsätzlich misstrauen sollte). Auch Christine Lagarde von der EZB schwebt die Abschaffung des Bargeldes vor.

Weimar 1942: Wie die Menschen auf Hitlers Einzug in die Regierung reagieren, lässt auch an die Trump-Anhänger denken, deren Rechtfertigungen ganz ähnlich klangen: Er hat ja wirklich mit einigem Recht, Natürlich muss dieser kranke Staat mal aufgeräumt werden, und überhaupt ist der Mann ja in ein System eingebunden und somit weit weniger gefährlich als sich das einige vorstellen. So und ähnlich werden Diktatoren und andere Egomanen auch heute gerechtfertigt.

Die Programmiererin Helene Bodenkamp, Tochter eines mit Hitler sympathisierenden Arztes, der den Arier-Test entwickelt hat und wie viele die Wirklichkeit ausblendete ("Vater hatte immer gesagt, dass müsse man nicht so ernst nehmen, wenn jemand aus der Regierung über die Juden herzog, das sei nur eine Art Wahlkampf"), arbeitet beim NSA, dem Nationalen Sicherheits-Amt, wo sie nicht nur mit dem Regime in Konflikt gerät, sondern auch in die Machtspiele ihres Vorgesetzten Eugen Lettke, eines Sadisten sondergleichen, verwickelt wird, der die perfekte Überwachungstechnik des Staates für eigene Zwecke nutzt. Wie diese beiden Lebensschicksale aufeinander treffen, ist ungemein spannend geschildert – dieses Buch ist auch ein Page-Turner!

Die Parallelen von Hitlers Deutschland und Trumps Amerika sind offensichtlich. "Die Braunhemden wurden immer zahlreicher, und immer öfter kam Eugen mit einem von ihnen ins Gespräch. Sie erzählten ihm vom Nationalsozialismus und von ihrem Führer Adolf Hitler und davon, dass die Deutschland wieder gross machen wollten, es wieder zu dem machen wollten, was er vor dem Weltkrieg gewesen war, nämlich eine Weltmacht."

"NSA – Nationales Sicherheits-Amt" ist auch ein Roman über Moral. So fragt sich etwa die Programmiererin Helene Bodenkamp, ob sie mit ihrer Arbeit (sie manipuliert unter anderem Computerprogramme) womöglich mehr feindliche Soldaten tötet als ein Panzersoldat. Und sie hilft Arthur, einem Bekannten und (was sie damals nicht wusste) künftigen Liebhaber, der desertiert ist und ihr dann eindrücklich klar macht, warum das für ihn notwendig gewesen ist. Denn Krieg zu führen bedeutet auch, sich einem Wahn hinzugeben. "Das lässt mich nicht los. Dass ich auch geschossen hätte. Dass ich mich hab anstecken lassen von diesem Wahn ..."

Je mehr Helene in die Aufgaben des Amtes involviert wird, desto klarer wird ihr, dass sie ein höchst aktiver Teil dieses Vernichtungsapparates ist. Durch ihre Arbeit werden versteckte Juden aufgespürt und auch ihr desertierter Freund läuft Gefahr, entdeckt zu werden. Sie entscheidet sich zum Widerstand und beginnt, Computerprogramme zu manipulieren.

Ein tolles Buch, spannend erzählt, trotz einiger Längen, reich an überaus nützlicher Aufklärung, bei dem auch der Witz nicht fehlt.
"Otto und ich haben auch nicht bis zur Hochzeit gewartet."
"Was? Ich dachte, wenn man katholisch ist –?"
"Dann beichtet man seine Sünden, und alles ist wieder gut. Ich hab ziemlich oft gebeichtet, bis ich endlich achtzehn war."

"An einem der folgenden Abende lagen Helene und Arthur nebeneinander auf seinem Bett, wie Gott oder die Evolution sie geschaffen hatte ..."


von Hans Durrer - 01. September 2019
NSA - Nationales Sicherheits-Amt
Andreas Eschbach

NSA - Nationales Sicherheits-Amt


Bastei Lübbe 2018
800 Seiten, gebunden
EAN 978-3785726259

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