Nouvelle Vague Hommage an eine ganze Generation Filmemacher
"Also los, lasst uns Filmgeschichte schreiben!" Fast ebenso sensationell wie 1960 À bout de souffle (Außer Atem) ist die Hommage des US-amerikanischen Regisseurs Richard Linklater an die französische Film-Welle Nouvelle Vague. In seinem neuen Film blickt er hinter die Kulissen der Dreharbeiten des Spielfilm-Debüts von Jean-Luc Godard und zeigt ganz nebenbei auch ein ganzes Milieu.
"Truffaut, Chabrol, ... und ich." Ende der 1950er-/Anfang der 1960er-Jahre entstanden in nur drei Jahren 162 Erstlingswerke französischer Regisseure. Diese Neue Welle wurde von Truffaut, Chabrol, Rohmer, u. v. a. m. angetrieben und auch der damalige Filmkritiker Godard wurde davon zu seinem Debüt inspiriert, das mit allen bisher dagewesenen Traditionen des Filmemachens brach. Linklater zeigt die unkonventionelle Arbeit des französischen Regisseurs, der beim Drehen ganz auf ein Drehbuch verzichtete, sich oft mit seinem Produzenten (und Freund) stritt und sich auch Kritik seiner Hauptdarstellerin, der US-amerikanischen Schauspielerin Jean Seberg, gefallen ließ, die ganz und gar nicht mit seinen Methoden einverstanden war. Wäre ihr Ehemann nicht gewesen, hätte sie die Dreharbeiten wohl hingeschmissen, aber dann entdeckte sie doch den Charme ihres Schauspielerkollegen Jean-Paul Belmondo und ließ sich auf die in ihren Augen "Amateurarbeit" Godards ein. Was sie damals noch nicht wissen konnte: sie ging genau mit diesem Werk in die Filmgeschichte ein. Auch der Ex-Boxer Belmondo startete mit À bout de souffle als Schauspieler so richtig durch und drehte mehr als 100 Filme. Linklater zeigt den eigenwilligen Intellektuellen Godard als nachdenklichen, verschrobenen Typen, der immer ein Zitat zur Hand hat. Als er für einen Anschlussfehler vom Skriptgirl kritisiert wird, betont er, dass die Realität keine Kontinuität habe und sie alles so lassen solle, wie es ist. Dadurch wäre der Film näher am Leben.
Die coolste französische Welle
Während vorrangig mit Handkamera gedreht wird, kommentiert und dirigiert der Regisseur Godard seine Schauspieler vor laufender Kamera und sie machen es einfach. Damals wurde ohnehin alles nachsynchronisiert und so konnte oft bereits der 1. Take verwendet werden, was teures Filmmaterial sparte. "Mag er Schauspieler überhaupt?", fragt sich Jean Seberg bald und Belmondo antwortet: "Solange man nicht versucht, eine Rolle zu spielen." Abgesehen von solchen witzigen Pointen ist es natürlich auch bemerkenswert, wie Zoey Deutch und Aubry Dullin interpretieren. So wird aus Nouvelle Vague ein Spielfilm über das Drehen eines der revolutionärsten Spielfilme überhaupt, bald selbst zum Kunstwerk. Aber wie sagte schon Jean-Luc Godard selbst: "Kunst ist nie fertig. Sie wird nur aufgegeben." Und so bekommt man ganz nebenbei auch wieder voll die Lust, sich das Original anzusehen, das bei Plaion auch als 4K UHD erschienen ist. Frei nach dem Motto Godards: "Das Anschauen eines Filmes befreit mich vom Schrecken des Schreibens." Oder anders ausgedrückt: "Um eine Bewegung zu werden, muss man erst einmal seinen Standpunkt festlegen." Tatsächlich inspirierte die Nouvelle Vague nämlich auch das New Hollywood der Sechzigerjahre, das ebenfalls eine Reihe unkonventioneller Regisseure und Filme hervorbrachte. Mit Nouvelle Vague hat Richard Linklater ein ungewöhnliches Werk abgeliefert, das bei den Filmfestspielen in Cannes u. a. auch von Quentin Tarantino bejubelt wurde. Der Soundtrack seines Filmes ist ganz im Stile seines Vorbildes übrigens ebenfalls in Cool Jazz, der Musik der damaligen Epoche, gehalten.
Alle Rezensionen von Juergen Weber