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Eva Ladipo: Not am Mann Die Rache der Nerds

30. April 2026
von Juergen Weber

Das Anfang der Neunziger verkündete Ende der Geschichte ist auch 30 Jahre später noch nicht eingetreten. Ganz im Gegenteil. Teil dieser unheilvollen Entwicklung ist sicherlich auch die Radikalisierung junger weißer Männer, die sich seit damals zunehmend an den Rand der Geschichte gedrängt fühlen. Ein Gespenst geht um in Europa? Das Gespenst der Wut, die Wutbürger in eine irrationale Raserei versetzt und alles, was sich ihr in den Weg stellt, zerstört und verzehrt.

I am your retribution. Denn es ist vielmehr der emotionale Gehalt als der politische, den diese weltweiten Strömungen gemeinsam haben. „In Wirklichkeit ist der Rausch an sich das Ziel. Die Wut und der Spaß. Die Preisgabe der Vernunft. Die Aufbruchstimmung. Darum geht es.", schreibt die Journalistin und gelernte Politologin in ihrem äußerst lesenswerten Essay. Mit I am your retribution trat Donald Trump sein Amt an, und er wollte wie so viele seiner Wähler (diesmal ohne -innen) vor allem Vergeltung, Rache. Die Rache der Nerds. Nicht zuletzt das White House Correspondents' Dinner von 2011 wird gerne zitiert (siehe auch James Poniewozik: Alle Scheinwerfer auf mich!), um die Genese von MAGA zu erklären. Im Raum saß „TheDonald", über den sich Barack Obama und die versammelte linksliberale Elite lustig machten, aber dieser sann auf Rache und beschloss, sich für die Republikaner nominieren zu lassen. Andere „Eigenbrötler" (Ladipo) wie Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Tim Cook, Sundar Pichai folgten ihm und spendeten Milliarden für eine Wahlbewegung, die sie 2025 zur zweiten Inauguration des Präsidenten schwemmte. Erste Reihe fußfrei.

Politik der Gefühle

Die „Deplorables" hatten in den USA einen Mann an die Macht gebracht, der alles Bestreben nach Vernunft, Ausgewogenheit und Bescheidenheit verwarf und auf brutale Demagogik setzte. Andere Länder folgten diesem Modell und schwemmten ebenso skrupellose Politiker an die Schaltstellen der Macht oder in die Warteposition darauf. Ladipo erwähnt das Rassemblement Nationale, die AfD und die FPÖ, auch wenn ihr Schwerpunkt die anglophilen Länder sind. Ein Erklärungsversuch wird von ihr in der mangelnden Repräsentation des weißen (Industrie-)Arbeiters in der heutigen Zeit gesucht. Man brauche den Mann einfach nicht mehr, nicht einmal mehr zum Kinder machen. Und die Produktion wurde ohnehin längst in Drittländer ausgelagert. Was machen also all die jungen, potenten 17- bis 29-jährigen Männer in Europa, den USA oder GB? Sie suchen ihr Heil in Social Media und verstärken dort noch ihr eigenes Gefühl der Marginalisierung bei anderen Gleichgesinnten. In der Echokammer des Internets radikalisieren sie sich: „Was gewalttätige, instabile Gesellschaften gemeinsam haben, ist eine unverhältnismäßig hohe Zahl junger Männer, die nichts mehr zu verlieren haben", zitiert Ladipo den Kommentator und Autor Scott Galloway.

Dabei waren in der Geschichte der Menschheit noch nie so viele Männer an der Emanzipation beteiligt, räumt Ladipo ein. Immerhin hat der Mann ja auch etwas dazugelernt. Gerade auch bei den „Underdogs". Wie es weitergehen wird, bleibt unheimlich spannend. Not am Mann. Die Erfindung toxischer Männlichkeit ist das Buch zur Zeit, das jeder gelesen haben sollte.

Alle Rezensionen von Juergen Weber

Buchcover von Not am Mann
Eva Ladipo
Not am Mann
Die Erfindung toxischer Männlichkeit
150 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-15014780-1
Reclam 2026