Agnes Arnold-Forster: Nostalgie

Nostalgie: Rehabilitierung eines Begriffs

Das goldene Zeitalter, von dem der designierte 47. amerikanische Präsident bei seiner Inauguration spricht, ist wohl genau dieses gefährliche Gefühl, von dem hier im Titel die Rede ist: Nostalgie.

Passion für Passé

Zusammengesetzt aus nóstos („Rückkehr, Heimkehr“) und álgos („Schmerz“) bezeichnet der Begriff eine Art Heimweh nach einer Zeit oder einem Ort, den es so wahrscheinlich nie gab. Denn die Erinnerungen an die Vergangenheit verklären und idealisieren – und so ist Nostalgie eigentlich ein rückwärtsgewandter Utopismus. Aber Agnes Arnold-Forster betont, dass sich auch die Wahrnehmung des Begriffs über die Jahrhunderte änderte, und sie will den Begriff auch etwas rehabilitieren. Anfangs wurde er sogar als gefährliche Krankheit gesehen, heute ist Nostalgie eher eine Emotion, die nicht nur von Rechten, sondern auch von Linken allzu gerne beschworen wird, um politisches Kleingeld damit zu machen. Natürlich sprang auch die Werbeindustrie auf den fahrenden Zug der Nostalgie auf und verstand alsbald, dass sich Nostalgie in klingende Münze umwandeln ließ. Nicht umsonst bezeichnet sie der Soziologe Yiannis Gabriel auch als „das neueste Opium des Volkes“.

Nach einem historischen Abriss über den Nostalgiebegriff seit Johannes Hofer, der den Begriff 1688 geprägt hatte, widmet sich die Autorin der Psychologie und den verschiedensten Nostalgiewellen. Übrigens ist Nostalgie durchaus ein weltweites und nicht nur europäisches Gefühl, denn auch Neuankömmlinge aus Afrika in Kuba verfielen der sog. „bonzo“, einer Art langsamen Selbstmordes durch Essens- und Trinkverweigerung.

Bringing back the good old days: again!

The Good Old Days – they were terrible, zitiert die Autorin Otto L. Bettman, der sich in seinem gleichnamigen, 1974 erschienenen Buch mit dem Begriff beschäftigte und konstatierte: „Was wir nämlich vergessen haben, sind die hungernden Arbeitslosen, die Verbrechen, die Korruption, die Verzweiflung der Alten, Kranken und Behinderten.“

Wieviel Fortschritt seit der „guten alten Zeit“ gemacht wurde, wird zwar zumeist unterschlagen, klar ist aber auch, dass eine trübe Gegenwart eine verklärte Vergangenheit braucht, um sich überhaupt noch auf eine Zukunft freuen zu können. Nostalgie sagt uns nämlich viel mehr über die Gegenwart, „unsere Befindlichkeiten und Ängste“, wie Arnold-Forster betont. Die Gegenwart ist der Auslöser für Nostalgie, und dabei spielt es keine Rolle, ob die Vergangenheit tatsächlich besser war: Sie dient ganz einfach als Trostpflaster. „Nostalgie ist eine von vielen psychischen Ressourcen, auf die wir zurückgreifen, um uns gegen bedrohlichen Wandel zu wehren.“ Die immer wiederkehrenden Revivals kommen dabei nicht wie ein Rad immer wieder, sondern wie ein Karussell.

Don Draper, die Figur aus Mad Men, glaubt an die Werbekraft von Nostalgie und reitet dieses Karussell gerade auch für Menschen, die älter werden. Denn je weniger Zukunft man hat, desto empfänglicher ist man für Nostalgie und eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit. Auch Geschichte wird so zu einer Wachstumsbranche, wie Agnes Arnold-Forster anhand der zahlreichen Reenactment-Organisationen weltweit glaubwürdig untermauert.

Vielleicht kann in der Zukunft Nostalgie sogar bei Krankheit helfen. Denn sie sorgt für Selbstreflexion, aktiviert das autobiografische Gedächtnis, steuert die Emotionsregulation und stimuliert das Belohnungsareal des Gehirns. Wer unter Demenz leidet, kann mit Nostalgie sogar Einsamkeit lindern und die Angst vor dem Tod dämpfen. Nostalgie als emotionaler Schutzschild? Klar ist, dass Nostalgie längst keine Krankheit mehr ist, sondern längst als ein Heilmittel für psychische Krankheiten eingesetzt werden kann.

Nostalgie
Christiane Burkhardt (Übersetzung)
Nostalgie
Geschichte eines gefährlichen Gefühls
304 Seiten, gebunden
Reclam 2025
EAN 978-3150115411

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