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Mehr Segen als Fluch

Norwegen ist dieses Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Immerhin drei Literaturnobelpreisträger hat das kleine Volk im Norden Europas hervorgebracht: Bjørnstjerne Bjørnson, Knut Hamsun und Sigrid Undset. Vielleicht hätte es noch einen vierten gegeben, doch Henrik Ibsen starb 1906, und die Auszeichnung gibt es erst seit 1901.

Doch Norwegen ist nicht nur ein Literaturland. Um es ein wenig besser kennenzulernen, sollte man hinreisen; die Wahrscheinlichkeit, einen Norweger im Ausland anzutreffen, ist bei einer Bevölkerung von knapp fünf Millionen so hoch nicht. Zum Glück gibt es die Norwegenkunde von Rasso Knoller, die in der renommierten Länderporträt-Reihe des Ch. Links-Verlags erschienen ist.

Der Autor, studierter Skandinavist, hat lange Jahre in Norwegen gearbeitet, unter anderem als Übersetzer bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer. Er hat aber auch schon in Papua-Neuguinea gelebt und darüber ein Buch veröffentlicht. Norwegen ist gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf das viertreichste Land der Erde, Papua-Neuguinea liegt in der IMF-Rangliste auf Platz 149. Die Schweiz liegt übrigens auf Rang 2. Für eidgenössische Leser ist es sicher reizvoll, einmal zu vergleichen, wie es sich in einem ähnlich wohlhabenden Land lebt und wie der Reichtum unter der jeweiligen Bevölkerung verteilt ist. Dabei sollte nicht nur der rein ökonomische Aspekt eine Rolle spielen, sondern auch Faktoren wie Lebensqualität, gesellschaftliche Teilhabe und die Zufriedenheit der Bürger.

Was das persönliche Glück des Einzelnen betrifft, schneiden die skandinavischen Länder in Vergleichen immer sehr gut ab. Kein Wunder, hängt doch diese Wahrnehmung immer auch mit dem Wunsch nach Gerechtigkeit zusammen. Dieser ist bei Norwegern traditionell sehr ausgeprägt und scheint auch im politischen, beruflichen und alltäglichen Leben bedient zu werden. Als Beispiele führt Knoller die progressive Besteuerung, das umfangreiche Bildungsangebot, berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, Gleichheit der Gehälter bei Männern und Frauen, die Zwang- und Formlosigkeit im privaten Umgang oder auch den unkomplizierten Zugang jedes Einzelnen zu allen öffentlichen Bereichen, unter größtmöglichem Wegfall behindernder Barrieren.

Norwegische Frauen sind aktiv in Politik (40 Prozent der Ministerämter sind weiblich besetzt) und Gesellschaft eingebunden. In keinem anderen Land der Erde arbeiten so viele Frauen. Vier von fünf Norwegerinnen sind berufstätig; selbstverständlich in gut bezahlten Vollzeit- und Teilzeitjobs statt überwiegend im Billiglohnsektor. Überhaupt werden in Norwegen europaweit die höchsten Gehälter bezahlt. Auch kinderfreundlich ist das Land: Die Geburtenrate liegt bei fast zwei Kindern pro Frau (1,86), das ist Rang drei in Europa. Die Schweiz belegt mit einer Rate von 1,55 einen Mittelplatz.

Interessant ist auch, wie die Norweger mit ihrem zweifellos vorhandenen Reichtum – dem 1990 aufgelegten Staatsfonds zur Verwaltung der Ölfördereinnahmen sei Dank – umgehen. Standesdünkel oder Neureichenprotztum scheinen ihnen fremd. Im Beruf sind die Hierarchien flach, auch im Privatleben duzt jeder jeden. Wer viel Geld verdient, trägt dies nicht öffentlich zur Schau. Zu verbergen hat dennoch niemand etwas: Die Bescheide eines jeden Steuerzahlers sind für alle Nutzer im Internet einsehbar. Nicht einmal das Königshaus beansprucht irgendwelche Privilegien für sich. Will der König dem winterlichen Volkssport frönen und mit seinen Skiern durch die Langlaufloipen ziehen, fährt er mit der S-Bahn aus Oslo heraus. Man stelle sich die britische Königin in der Londoner U-Bahn vor!

Natürlich produziert Norwegen auch negative Schlagzeilen: etwa durch den rechtsextremen Amokläufer, der im Sommer 2011 auf der Insel Utbjøa 77 Menschen ermordete. Vorbildlich wiederum war der Umgang mit der schockierenden Tat. Statt wie die USA und ihre Verbündeten nach dem 11. September ein Jahrzehnt zuvor in Hysterie zu verfallen und sogar die viel beschworene persönliche Freiheit dem Sicherheitsbedürfnis zu opfern, reagierten die Norweger mit Empathie für die Betroffenen und Besonnenheit in der Politik.

"Ihr werdet", versicherte der damalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg dem Täter und allen Sympathisanten in seiner Rede unmittelbar nach den Anschlägen, "unsere Demokratie und unsere Ideale für eine bessere Welt nicht zerstören." Norwegen als Vorbild: Nach dem Massaker, das ein islamophober Attentäter in Christchurch verübt hatte, äußerte sich die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern ähnlich teilnahmsvoll, strikt und überzeugend.


von Ralf Höller - 11. Oktober 2019
Norwegen
Rasso Knoller

Norwegen


Ein Länderporträt
Christoph Links 2013
192 Seiten, gebunden
EAN 978-3861537137