Nordostpassage Abkürzung nach Asien
Wie befördert man Waren am schnellsten zwischen fernöstlichen und europäischen Häfen? Für den Transport boten sich lange Zeit nur zwei Alternativen an. Keine war verlockend. Der Landweg über die Seidenstraße, weit und gefährlich, verlor mit den überseeischen Entdeckungen der Portugiesen immer mehr an Bedeutung. Doch auch die Schifffahrt um Afrikas Südkap herum war mühselig und zeitraubend.
Gab es keine nördlichere Route? In die umgekehrte Richtung, von Hamburg, London oder Antwerpen startend durch die Nordsee, weiter entlang der skandinavischen Küste, dann auf striktem Ostkurs wagten sich englische und niederländische Kapitäne vor. Von ihnen kam der Friese Willem Barents am weitesten. Nach einer nicht geplanten Überwinterung im Packeis starb er vor Erschöpfung auf der Insel Nowaja Semlja. Ihm zu Ehren wurde das bereits bewältigte westliche Ende des Nordpolarmeers Barentssee genannt.
Die Ostspitze von Nowaja Semlja berührt fast den 70. Längengrad. Um weiter Richtung Asien und Nordamerika zu segeln, hätte Barents hundert zusätzliche Längengrade bewältigen, die Kara-, Laptew-, Ostsibirische und Tschuktschensee durchqueren und Russlands Nordostkap umrunden müssen. Letzteres trennt den Atlantik vom Pazifik. Hier liegt auch die Grenze zwischen Russland und Amerika. Noch hatte das 17. Jahrhundert nicht begonnen, noch war an ein solches Unterfangen nicht einmal zu denken.
So wusste etwa niemand, ob Sibirien und Alaska eine Meerenge trennt oder eine Landbrücke verbindet. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde diese Frage geklärt. Doch blieb sie weiter eine akademische. Schuld war das Klima: Häufig erwies sich das Wetter – Nebel, Eis, Stürme – als zu widrig für eine sichere Passage; was wiederum den ursprünglichen Zeitvorteil ruinierte.
Erst Adolf Erik Nordenskiöld bewältigte 1878/79 mit dem dampfgetriebenen Segler Vega die komplette Strecke von Skandinaviens Ostküste bis Japan. Allerdings musste der schwedische Kapitän einmal überwintern. Ganz ohne Zwischenhalt meisterte ein halbes Jahrhundert später ein russischer Eisbrecher die Strecke. Im Sommer 1932 fuhr die Alexander Sibirjakow nonstop von Archangelsk am Weißen Meer nach Wladiwostok.
Und aktuell? Längst hat der Klimawandel die Diskussion um die Nordostpassage wiederaufleben lassen. Wenn nur nicht Putins Angriffskrieg vorläufig alle weiteren Erwägungen, nun ja, auf Eis gelegt hätte!
„Nordostpassage eisfrei", meldete das Polararchiv Schweiz auf seinem Portal Ende Juli 2020 – und verwies auf fünfzig Frachtschiffe, die in jenem Sommer auf dieser Route verkehrten. Sogar Vergnügungsreisende sind dort unterwegs. Die norwegische Autorin Erika Fatland berappte für die Passage vom Anadyr nach Murmansk 20 000 Dollar. Es war die letzte Etappe ihrer Russlandumrundung, festgehalten im Bestseller Die Grenze. „Noch vor wenigen Jahren wäre die Reise", heißt es dort, „ohne die Hilfe eines Eisbrechers undenkbar gewesen." Doch welchen Preis hätte der neue, im Vergleich zur Suezkanalroute um ein Drittel kürzere Schiffsweg? „Die Arktis, so wie wir sie kennen", lautet Fatlands düsteres Fazit, „ist bald verschwunden."
Die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik hält die Nordostpassage „schon heute für längere Zeiträume im Sommer befahrbar" und „damit kommerziell nutzbar." Geschuldet ist dies der Erwärmung der Polarregion. Der Klimabericht des Arktischen Rats, ein loses Bündnis von Anrainerstaaten, stuft sie auf das Dreifache des globalen Mittels ein.
Der Historiker und Professor für Russland-Asien-Studien an der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität, Andreas Renner, beleuchtet in seinem Buch Nordostpassage – eine erstklassige Darstellung der Geschichte, Gegenwart und Zukunft der nördlichsten aller Seerouten – das Thema aus einem weiteren Blickwinkel: Mit dem Ukrainekrieg gewann die arktische Schifffahrt weiter an Priorität – für Moskau und Beijing. Für letztere Partner zählt der Seeweg nach Asien freilich erst ab dem Weißen Meer; Europa bleibt außen vor.
„Arktisches Öl und Gas", so Renner, dürften „nun in großem Stil nach Asien transportiert werden." Die Überlegung dahinter: China stellt in diesem Plan nicht nur den größten Absatzmarkt dar, sondern auch den wichtigsten Hoffnungsträger für die Einfuhr von Kapital und Know-how, um westliche Sanktionen zu kompensieren. „Der Nördliche Seeweg soll [für Russland] zum Ausweg aus der Isolation in Europa werden."
Ein Szenario, ließe sich hinzufügen, welches auch US-Präsident Donald Trump in den Kram passt und das er gewiss befördern wird.
Alle Rezensionen von Ralf Höller