Tom Coraghessan Boyle: No Way Home

Ein moderner Western in Boulder City

"Dass die Wüste leer war, hatte einen Grund – sie war ein negativer Raum zwischen einem selbst und einem Ort, wo man sein wollte, eine letzte Zuflucht für Heilige und Skorpione." In einer solchen Wüste liegt der Protagonist, Terrence "Terry" Tully, auf dem Rücken und kann seine Beine nicht mehr bewegen.

Und dann kam ... Bethany

"No Way Home", der Titel des neuen Romans von T.C. Boyle, ist die wohl unheilvolle Verkündung einer Zukunftsvision, die bald allen Amerikanerinnen und Amerikanern drohen könnte, wie der Autor kryptisch in einem Interview andeutet. Die Mutter von Terry ist gestorben, und er erfährt es von ihrer Nachbarin, als er gerade einen Patienten behandelt. Terry ist Assistenzarzt in L.A., viereinhalb Autostunden vom Haus seiner Mutter in Boulder City entfernt. Dazwischen liegt die Mojave-Wüste.

Terry fühlt sich, als trüge er eine Ritterrüstung: mehrere Lagen Stahlblech, die ihn niederdrücken – und dennoch muss er sich auf den Weg machen. Wie heißt es so schön: Kein Mensch ist eine Insel, außer wenn die Flut kommt. Dieser Flut muss sich Terry nun – mit 31 Jahren – stellen, und er spürt, dass dies erst die Ruhe vor dem Sturm sein könnte. Tatsächlich hat T.C. Boyle viel mit seinem Protagonisten vor. Außer einer Tante Julie gibt es keine Verwandten mehr; das Haus, ein Prius und ein Bankkonto werden also bald ihm allein gehören. Aber im Haus seiner Mutter angelangt, spürt er nichts als den stechenden Schmerz des Verlustes: "Er war im Haus seiner Mutter und sie nicht." In einer Bar in Boulder lernt er Bethany kennen. Sie ist 24, also um einiges jünger als er, und sie hat einen komplett anderen familiären Hintergrund, gehört eher dem White Trash an. Aber da er deprimiert ist, macht ihm dies nichts aus, und so schlittert er in eine Geschichte, die sein Leben nachhaltig verändern wird. Sie verbringen eine Nacht miteinander, und am nächsten Morgen schlägt sie ihm einen Deal vor: Sie kümmert sich um Daisy, den Hund seiner Mutter, und darf dafür im Haus wohnen, bis sich die Sache für ihn geklärt hat. Terry sagt nein und fährt zurück nach L.A. – ein brillant gewählter Cliffhanger von T.C. Boyle, denn natürlich kommt es dann doch anders.

Bethany hatte ihn in "einem Augenblick größter Schwäche erwischt", und vielleicht bestimmt genau das den weiteren Verlauf der Geschichte. Boyle wechselt mehrmals die Erzählperspektive – einmal die von Bethany, dann wieder die von Terry, aber auch von Jesse, dem Ex-Freund von Bethany –, was die Handlung natürlich noch spannender macht, Cliffhanger inklusive.

Jesse ist ein klassischer Macho, ein "hypermaskuliner Motorradfahrer" und dennoch Lehrer. Er schreibt an einem Buch über den Hoover-Damm – das eigentliche Buch, das auch T.C. Boyle schreiben wollte, wie er in einem Interview erzählt. Aber die Konstellation zwischen seinen drei Hauptakteuren entwickelte sich für ihn so spannend, dass er dieses Mal auf politische Umweltthemen gänzlich verzichtete und einen reinen Roman über die Liebe verfasst hat. Oder das, was man gemeinhin als Liebe bezeichnet.

Denn was Bethany für Terry empfindet, wird immer wieder durch ihr Mitgefühl für ihren Ex unterbrochen, und so kann die neue Liebe nicht wirklich erblühen. Als Bethany schließlich im Haus von Terry wohnt, wird Jesse zum Stalker – denn er hat Bethany zwar aus der gemeinsamen Wohnung geworfen und ihr Konto geplündert, aber er will sie dennoch nicht gehen lassen.

Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Antagonisten Terry schaukelt sich immer mehr hoch, bis er ihm in der Wüste diesen einen kleinen Schubs verpasst. Nun sitzt Terry im Rollstuhl und sinnt auf Rache: Gleiches mit Gleichem vergelten? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Terry ist nicht nur aufgrund seiner Herkunft und Ausbildung etwas Besseres und außerdem älter als die beiden, Bethany und Jesse – und vielleicht fasziniert ihn genau das. Er liebt sie halt.

T.C. Boyle hat einen Roman geschrieben, der unter die Haut geht und zeigt, dass man sich gegen die Liebe einfach nicht wehren kann. Es gibt keine eindeutige Botschaft, kein klares Bild, dafür aber drei Perspektiven, die jede etwas für sich hat. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, wie er leben will und wo seine Grenzen sind. Jesse testet sie jedenfalls bis zum äußersten Rand aus, und der gefährliche Showdown zweier Männer im Kampf um eine Frau liest sich wie ein Duell im Western – mit anderen Mitteln. Nur dass dieses Mal eine Frau die Hauptrolle spielt: Bethany. Doch durch den Tod seiner Mutter bleibt es wohl dabei: No Way Home.

No Way Home
Dirk van Gunsteren (Übersetzung)
No Way Home
384 Seiten, gebunden
Originalsprache: Englisch
Hanser 2025
EAN 978-3446284234

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