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Torsten Schulz: Nilowsky

Mit schwarzem Strich: Nilowsky - eine Jugend in Ostberlin

Die im Berliner BeBra-Verlag 2023 erschienene Graphic Novel "Nilowsky" ist eine faszinierende, schaurig-schöne, visuelle Umsetzung von Schriftsteller Torsten Schulz' gleichnamigem Roman, der 2013 im Verlagshaus Klett-Cotta veröffentlicht wurde. Grafiker Niels Schröder verleiht der tragiromantischen Erzählung, die in den 1970er-Jahren Ostberlins spielt, mit seinen ausdrucksstarken Illustrationen eine neue Dimension.

Die Graphic Novel "Nilowsky" entführt die Leser in das Ostberlin der DDR-Zeit, genauer gesagt in die 1970er-Jahre. Die Geschichte spielt in Köpenick, dem großen Bezirk im Südosten der Hauptstadt, der die Jugend von Schulz prägte. Zusammen mit dem Grafiker und Illustrator Niels Schröder erweckt Schulz seine Erinnerungen an die Jugendzeit in einer Arbeitergegend mit visueller Kraft zu neuem Leben.

"Nilowsky" erzählt uns die Geschichte des Jungen Markus und seinem Freund Nilowsky, einem anarchisch geleiteten Gerechtigkeitsfanatiker. Nilowsky, gezeichnet von einem traumatischen Verhältnis zu seinem alkoholabhängigen Vater, kämpft nicht nur gegen diesen, sondern auch gegen seine eigene Verzweiflung an: Er rebelliert gegen die gesellschaftlichen Zwänge. Gegen seinen Vater. Gegen sich. Gegen alles!

Die Graphic Novel beginnt mit einer Zug-Szene, die eine feste Klammer für die weitere Handlung bildet. Die Handlung folgt dem Protagonisten Markus, der in der Nähe einer Kneipe aufwächst, deren Thresenkraft der ein paar Jahre ältere, kräftige und rätselhafte Nilowsky ist. Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden Jugendlichen, geprägt von Nilowskys abenteuerlichen Phantasien, steht im Mittelpunkt der Geschichte.

Die Atmosphäre des Chemiewerks in der Nähe, das Schwefelabgase ausstößt, dient als Kulisse für Nilowskys absurde Phantastereien. Markus hingegen empfindet den Gestank als unangenehm, eine Erfahrung, die Schulz aus seiner eigenen Jugendzeit kennt. Zudem wird die Geschichte um die von beiden Jungen begehrte, 17-jährige Carola gewoben, die beschließt, nie älter als 13 zu werden und sich so gegen die traditionellen Vorstellungen von Ehe und Familie stellt.

In "Nilowsky" treffen Realität und Phantasie, Trostlosigkeit und Überschwang aufeinander, während die Jugendlichen sich den Herausforderungen des Erwachsenwerdens stellen.

Schulz injiziert seinen Figuren eine intrinsische Energie, zwischen Aufbegehren und Melancholie, zwischen Übermut und Furcht und schafft somit eine kreative Unruhe, die "Nilowsky" eine ganz eigene Dynamik liefert, wie sie nur ein "Coming of Age" entfalten kann, das die Tragik und unfreiwillige Komik der Adoleszenz beinhaltet: juveniles Rebellentum und spießige Träume, Fluchtgedanken und altmodische Moralbilder liefern die Arena zwischenmenschlicher Konflikte, die Schulz, aus eigener Erfahrung im Alltag der Hauptstadt der DDR genährt, gekonnt zuspitzt.

Damit spielt er seinem zeichnenden Partner Niels Schröder in die Hände: Mit spitzer Feder verwendet Schröder Techniken, die an die Ära des deutschen Expressionismus erinnern; er verleiht der Geschichte und ihren Protagonisten damit einen grotesk-morbiden Charme, der den Leser konstant auffordert, näher in die Story zu schauen, wobei Schröder stets gegen den Strich bürstet - und uns so in den Bann zieht. Schröders Illustrationen fangen die düstere Atmosphäre des Narrativs perfekt ein und lassen den Leser tief in die Welt von Nilowsky eintauchen.

Gerade die grotesken und zuweilen surrealen Elemente der Geschichte, aber auch die psychologischen Abgründe der Hauptfiguren werden von Schröder eindrucksvoll eingefangen. Die Charaktere werden facettenreich und komplex dargestellt; ihre inneren Kämpfe werden durch Schröders expressive Darstellungen förmlich spürbar.

Die Entscheidung, den Roman "Nilowsky" in eine Graphic Novel zu verwandeln, entstand aus einem Drehbuch, das Torsten Schulz ursprünglich nach seinem Roman schrieb. Obgleich der geplante Spielfilm zu teuer wurde, verwendete Niels Schröder das Drehbuch als Grundlage für sein nun vorliegendes, künstlerisches Werk. Das Ergebnis heute ist eine szenische Erzählung, die beinahe geradlinig dem Ausgangstext folgt – und somit erzählerisch wie ästhetisch Schulz' Drehbuch zum Leben erweckt.

Torsten Schulz beschreibt die Zusammenarbeit mit Schröder als "eine spannende Entdeckung" und betont die künstlerischen Möglichkeiten, die durch dieses Medium geboten werden. Schröder selbst zeigt sich fasziniert von der Thematik des Projekts, die ihn "mit einer Vergangenheit berührt, die er nicht persönlich erlebt hat." Gemeinsam setzen sie die Geschichte von Nilowsky in Bilder um, beginnend mit ersten Skizzen direkt aus dem Drehbuch heraus. Schulz beschreibt Nilowsky  dabei als "eine Zusammensetzung verschiedener Charaktere aus seiner Jugendzeit", während Schröder betont, dass "sich die Charaktere beim Zeichnen weiterentwickeln." Die Graphic Novel bietet somit eine neue und faszinierende Perspektive auf Schulz' Roman und lädt die Leser ein, sich von den eindrucksvollen Bildern und der mitreißenden Geschichte mitreißen zu lassen.

"Nilowsky" ist mehr als nur eine bloße Adaption des Romans. Es ist eine rundum eigenständige, künstlerische Interpretation, die Plot und Essenz der Geschichte kunstvoll einfängt und nun in einem neuen Licht präsentiert. Mit beeindruckenden Bildern und einer packenden Handlung ist diese Graphic Novel ein Must-Read für Fans des Romans und Liebhaber anspruchsvoller Graphic Novels gleichermaßen.

Ostberlin war eine nach August 1945 von Westberlin, also von den drei verwalteten Sektoren der westlichen Alliierten (Frankreich, Großbritannien, USA) Berlins benutzte Bezeichnung für den sowjetisch verwalteten Sektor. In der DDR selbst wurde die Hauptstadt "Ostberlin" als "Berlin, Hauptstadt der DDR" bezeichnet. Dagegen war Westberlin zwar formal Hauptstadt, jedoch ohne hoheitliche Befugnis für Westdeutschland, doch mit alliiertem Sonderstatus innerhalb der sowjetischen Besatzungszone (der DDR). Regierungssitz und de facto Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland war bis zur Wiedervereinigung und dem Regierungsumzug Bonn.

von Daniel Khafif - 16. Mai 2024
Nilowsky
Torsten Schulz
Niels Schröder (Illustration)
Nilowsky

BeBra 2023
160 Seiten, broschiert
EAN 978-3898092265