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Ingvar Ambjørnsen: Niemand da Viel da

11. Mai 2026
von Eva Lacour

Zwölf Erzählungen des 2025 verstorbenen Autors umfasst dieses letzte Werk von Ingvar Ambjørnsen, und die knapp 200 Seiten haben mehr Substanz als viele Bücher des doppelten Umfangs.

Insgesamt ist die Stimmung melancholisch. Ein Mann sucht auf Drängen von dessen Mutter seinen Freund auf, findet ihn zuhause nicht, wartet und erinnert sich an einen üblen Streich, den die beiden als Jugendliche im Suff begingen. Ein Landstreicher nistet sich im Winter in einer leerstehenden Hütte ein. Unterwegs zwischen Dänemark und Schweden geht einer Fähre der Strom aus, die Maschinen stehen still, sie schrammt mit dem Kiel über Felsen, die Passagiere wähnen sich schon auf ihrer letzten Reise, da setzen die Maschinen wieder ein und das Geschehene wird totgeschwiegen. Ein Vater lässt seine beiden Kinder in einem Hotel zurück, verschwindet für ein paar Tage, nur um anschließend wieder aufzutauchen – ohne jede Erklärung. In Trauer um seine verstorbene Frau fährt ein Mann nach St. Peter Ording an die Nordsee.

Doch der Band enthält auch skurril Witziges, wie die Begegnung zweier Schriftsteller und deren Diskussion über Kriminalromane oder auch eine Erzählung von einer Mäuseinvasion.

Dass die Erzählung „Toter Hund“ in den Band aufgenommen wurde, obwohl der Autor sie nicht mehr vollenden konnte, zeugt vom beeindruckenden Format der schriftstellerischen Kunst Ingvar Ambjørnsens. Auch wenn völlig unklar ist, in welcher Beziehung ein erschossener Hund zur Tochter eines bei einem Jagdunfall ums Leben gekommenen Freundes des Ich-Erzählers steht – außer dass sowohl der Hund als auch der Freund erschossen wurden – beeindruckt die Geschichte. Im Grunde sollte man öfter unvollendete Erzählungen wagen, denn als Leser achtet man auf der Suche nach Hinweisen auf die fehlende Fortsetzung vielleicht umso mehr auf jedes Detail. Hat der Ich-Erzähler den Freund erschossen, war es womöglich gar kein Unfall? Das Unvollendete lässt Raum für Zweifel und Spekulationen.

Immer lösen Orte Erinnerungen aus. Da sind Parallelen und Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart und Raum für viel Fantasie.

Manches ist so dicht geschildert, dass man es zweimal lesen muss, um die ganze Hintergründigkeit zu erfassen.

„Niemand da“ ist ganz sicher ein Buch, dass man nicht nur einmal lesen wird.

Hervorragend übersetzt von Gabriele Haefs ist der Band auch sprachlich ein Genuss.

Alle Rezensionen von Eva Lacour

Buchcover von Niemand da
Ingvar Ambjørnsen, Gabriele Haefs (Übersetzung)
Niemand da
Originalsprache: Norwegisch
208 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-96054475-3
Nautilus 2026